„Waldrand, Gehölz“
27.04.03-24.05.03
Karin Hoffmann - Kontny
Einleitung
Reinhold Brauns Arbeiten, die wir Ihnen heute abend und in den kommenden Wochen präsentieren dürfen, atmen den Geruch einer Natur, die jedem Menschen anders erscheint, streift er mit offenen Augen durch die Landschaften des Künstlers.
Seine Bilder sind nicht Abbilder. Keine Nachklänge, die das Beschriebene beschreiben, das Schöne noch Schöner machen.
Es wäre ein unnützes Unterfangen, in den Arbeiten Reinhold Brauns nach Referenzen auf andere Werke zu suchen. Bezüge lassen sich kaum herstellen, sind Brauns Bilder doch kein nachahmender Zwang, sondern bewegter Geist, der die Freiheit neuer Gestaltung versprüht.
Seine Arbeiten sind keine Farbschatten, sondern sprechende Körper.
Sie sind Erfahrungen und Reflexionen.
Geistesblitze, die einschlagen und das Auge fordern, selbständig zu schauen.
Auf diese Weise, im eigenen Schauen, öffnen sich Farbwelten, die verwundern und ein Stück der eigenen Realität enthüllen können.
Mächtig und kraftvoll, aber auch beiläufig, setzt Reinhold Braun Zeichen, auf die sich das Auge richtet – wie Wegmarken im unwegsamen, eigentlich toten Gehölz, wie Orientierungspunkte in einer Welt voller Zeichen.
Was sich der Künstler aus der Welt borgt, ist erfüllt von einer farblichen Sinnlichkeit, die entflammt. Braun gebraucht die Orte und löscht ihre Bilder aus.
Im gedanklichen Farbspiel – meist von der Tube direkt auf die Leinwand geflossen – läßt sich scheinbar Bekanntes ganz anders sehen.
Künstler und Betrachter bringen darin etwas ans Licht, das für sie selbst neu erscheint.
Gestaltungs- und Sehprozeß gleichermaßen sind bloßes Suchen und Finden von Wesentlichem. Sie sind Reduktion und Abstraktion.
Am Beginn der Wahrnehmung bereits den eigenen Seh-Spielraum erweitern, die bekannten Interpretationen verändern, vergessen oder sie einordnen:
Die weiße Rinde der Birke mit ihren schwarzen Rissen leuchtet unter allen Bäumen hervor. Der grazile Körper streckt sich wie ein schlankes Bein in kraftvoller Zartheit und ewig scheinender Jugend der Sonne entgegen.
„Die Schöne“ wird auch im Angesicht der Sonne nicht blaß, vielmehr leuchtet sie mit ihr um die Wette, wächst ihr Stolz – vielleicht aber auch ihre Einsamkeit.
Ergriffenheit, Verwirrung, Vergnügen, alles wird sichtbar sowie man es sucht.
Der Interpretationsschlüssel ist die Loslösung, ist die Befreiung (lat., abstrahere = sich befreien) vom Bild.
Erst das empfundene Gefühl legt die je eigene Realität des Betrachters frei.
Jeder Baum wird auf diese Weise zu einem Vorschlag für ein Zentrum, für eine Welt, die sich klar am Waldrand abzeichnet. Als solche Randgestalt ist der Baum nicht nur Motiv, sondern Bewegung, Startpunkt des Gedankenflugs, kurzum: er ist Motivation (lat., movere = bewegen, aufbrechen).
Vom Geistesblitz in allen seinen Teilen und Folgen durchleuchtet, hält das Bild also nichts fest, sondern läuft weiter. Es erzählt eine Geschichte, die so nicht existiert und die dennoch lebendig wird.
Die ungenau - genauen (Farb-) Gedanken ließen sich so einige Zeit mit dem Künstler selbst verwechseln.
Aus totem Gehölz sprießt in frischem Birkengrün mutig eigenes Schauen.
Am Waldrand reißen die Schranken des Selbst ein.
Hinaus ins Weite, sich Land schaffen, den Spielraum erweitern.
Endlich einmal wieder tief einatmen.
Einfach loslaufen auf eine niemals endgültig erreichte Grenzenlosigkeit zu.
Die Freiheit des Blicks lässt andere Wege einschlagen.
Sie braucht keine Erklärung, vielleicht Wegweiser, vor allem aber die Möglichkeit der Abweichung auch auf scheinbar schon ausgetretenen Wegen.
Man muss nicht in den Wald gehen, um Bäume zu sehen.