Malerei
Wahrhaft wild - der Titel „Sauvage“ spricht Bände, unkonventionell, bunt und ungestüm präsentieren sich Arbeiten von Reinhold Braun aus den vergangenen Schaffensjahren.
Unruhig und dabei äußerst vital zeigt er sich in seiner Bildsprache, die überwiegend abstrakt nur noch Reste des Abbildhaften aufweist. Stilisiert erscheinen florale Elemente etwa in der großformatigen Arbeit „Deus Orbit Maximus“, in der Braun einen ganzen Kosmos von Assoziationen für den Betrachter bereithält. Die im Titel angedeutete Omnipräsens einer, wie auch immer vorstellbaren, göttlichen Kraft wird im Gemälde vielschichtig realisiert.
Im Zentrum des Bildes ist unter den Farbschichten ein historisches Messgewand erkennbar. Es wurde auf den Bildgrund montiert und durch zahlreiche Farbflächen in die Komposition eingebunden Das fein strukturierte Jacquardgewebe mit der bordeauxroten, Golddurchwirkten Borte, dieses Object trouvées steht kontrastierend zu den leuchtenden, großflächigen Farbpartien. Diese werden ihrerseits überlagert und kontrastiert durch Hautfarbene, blaue und weiße Farbspuren, dynamische, fast aggressive lineare Elemente, die wie Peitschenhiebe anmuten. Das Wunder einer Schöpfung manifestiert sich auf der rechten Bildseite in einem vegetativ-floralen Element. Eine Blaue Fläche der unteren rechten Bildpartie lässt an Wasser, die Grundvoraussetzung alles Lebens denken, die vier Elemente drängen sich als Assoziation auf. Eine kleinere Kreuzform links, blutig rot auf schwarzem Grund – lässt den Betrachter aus der christlichen Tradition heraus, an Blut, Tod, den Kreuzestod und gleichzeitig an Erlösung zu denken. Eine zweite grüne Kreuzform überspannt die Bildmitte, dort ist die Hoffnung, die Erlösung, das Leben fast greifbar symbolisiert. Komplementäre Farbkontraste und sparsam eingesetzte, weiche Umrisse, die konstruktive Betonung von Horizontale und Vertikale komplettieren sein malerisches Konstrukt. Braun nimmt hier christlich sakrale Elemente in seine Bildsprache auf und überführt sie in eine allgemeingültige Aussage über Schöpfung, Leben und vergehen. Er bewegt sich mit diesem komplexen Werk wischen den Polen einer blasphemisch-respektlosen Zitathaftigkeit und der hintergründig-philosophischen Auseinandersetzung mit der europäischen, von christlichen Werten und Heilsversprechen geprägten, Kulturgeschichte.
Insgesamt ist es seine Farbigkeit in ihrer Wucht und Intensität, die die Aufmerksamkeit spontan auf sich zieht. Das Moment der Wildheit zeigt sich nicht allein in der Leuchtkraft und Vitalität der Töne, sondern auch im vehementen, kraftvollen Farbauftrag. Mit breiten Pinseln, oder mit dem Spachtel und nicht selten direkt aus der Tube bringt Braun die Farben, satt, schwer und vielschichtig auf die Leinwand. Durch den pastosen Farbauftrag, der in einigen Partien regelrecht zu einer reliefartigen Qualität gesteigert ist, erzeugt er eine gewichtige Materialität. Häufig zeigen sich die Farben rein und leuchtend. Nur in Ausnahmefällen werden zwei Farben durch ineinander streichen, immer direkt auf der Leinwand, gebrochen und gedämpft. Lediglich kontrastierend, oder dämpfend setzt er, etwa braune Farbe als Umriss der eigenen Rückenfigur in seinem Selbstbild mit dem Titel „L’homme (Braun)“ dem leuchtend blauen, bereiten Pinselraster entgegen. Hier erreicht er eine hohe malerische Qualität, auch wenn er das, von ihm häufig verwendete, hier leuchtend gelbe Sonnensymbol, von dem atmosphärisch grauen Hintergrund absetzt.
Das Sonnensymbol begegnet uns wieder, diesmal als unwirklich, grell-weiße Scheibe die sich vor eine leuchtend orangen Ball zu schieben scheint in der Arbeit „Eclipse“ entstanden in den Jahren 1998/99 . Sein kosmisches Schauspiel von hoher Dramatik, vollzieht sich vor einem vielschichtigen Liniengewirr. Ein klares inteniv-grünes Raster überlagert das dunkle Knäuel einer unregelmäßigen Linienmasse.
Ebenfalls als collagierte Elemente, einbezogen in einen malerischen Kontext, erscheinen Reproduktionen von Holzschnitten mit erotisch-pornographischen Motiven, angefertigt von einer befreundeten Künstlerin, als Bild-im-Bild in der Arbeit „Milieu“. Die dunklen, nur schwer erkennbaren Motiven erscheinen wie eingerahmt durch breite farbige Pinselbalken. Diese rahmen, integrieren und separieren gleichzeitig die fremden Bildelemente von Brauns eigenhändiger Malerei. Ausschnitthaft, wie in Fenstern beschwört der Künstler er eine düstere, abgründige Welt der Leidenschaften Obsessionen. Die dominanten Senkrechten und Waagrechten, prägnante rechteckige Farbflächen stabilisieren die Komposition.
Regina M. Fischer M. A., Kunsthistorikerin