HALTESTELLE NATUR

Gegenständlich abstrakte bis hyperrealistische Positionen 8 Kunstschaffender

Malerei und Graphik

20. November 2004 bis 18. Dezember 2004

  

Hochinteressant, wie sich acht Maler der Herausforderung gestellt haben ihr künstlerisches Statement zum Thema „Haltestelle Natur“ abzugeben. Sind dabei doch die unterschiedlichsten aktuellen Standpunkte zum Thema Natur und Landschaft zu beobachten.

Um diese zeitgenössischen Positionen besser einordnen zu können ist es sinnvoll kurz nach der Entwicklung der Landschaftsdarstellung in der bildenden Kunst zu fragen, zumal sich, wie wir sehen werden auch in den hier präsentierten Arbeiten viele historische Bezüge zum Thema ergeben.
Interessanterweise ist die Landschaft oder die Natur eben kein Grundthema der Kunst, wie es der beispielsweise der Mensch ist. Die prähistorische Kunst kannte keine Landschaftsdarstellung, so genannte Naturvölker setzen sich ebenfalls nicht mit dem Thema Landschaft auseinander. Landschaftsmalerei kann nur entstehen, wenn der Mensch und die Natur als Gegenüber erfährt, also aus der Distanz heraus. Oder anders herum gesprochen – wer in der Natur steht malt keine Landschaften. Die Entstehung der Landschaftsmalerei setzt die Selbstabgrenzung, eine gewisse Distanz zur Natur voraus. Ausschließlich städtische Kulturen thematisierten die Landschaft. In Anfängen die Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens. In der griechischen Antike wurde das Thema Landschaft oder besser unberührte Natur zu einem wichtigen künstlerischen und literarischen Gegenbild. Die Hirtendichtung feierte die arkadische Landschaft, den Sehnsuchtsort des locus amoenus, den Ort an dem Mensch und Natur noch eins sind, als regelrechten Gegenentwurf zur städtischen Gesellschaft. Diese Haltung übernahmen auch die Römer. Wenn in der Kunst des Mittelalters die Landschaft allenfalls als stilisierten Handlungsort für das biblische Geschehen eine Rolle spielt, dann hat dies seinen Grund in der ausschließlichen Konzentration auf das christliche Heilsgeschehen. Die Voraussetzung der Landschaftsdarstellung ist die Autonomie des Kunstwerks und es ist nach dem bereits gesagten gar nicht so verwunderlich, dass sich die neuzeitliche Landschaftsdarstellung in einer kulturell hoch verfeinerten städtischen Gesellschaft, nämlich im Venedig des 16. Jhd. entwickelte.

Von da ab wurde Landschaft zum Ausdrucksträger für die unterschiedlichsten menschlichen Erfahrungen. Im Akt der Malerei – in der Auswahl und Umwandlung der sichtbaren Formen – bemächtigt sich der Mensch der Welt, seiner Umwelt. Zunächst mimetisch darstellend, später indem er die inneren Aufbauprinzipien der Natur hinterfragt und auf der Leinwand eine neue Realität entstehen lässt. Durch die bildnerischen Mittel Form, Farbe und Linie versucht der Künstler den inneren Klang der Natur zum Ausdruck zu bringen. Er schafft im künstlerischen Schöpfungsakt einen Spiegel des Universums.

Immer ist die künstlerische Naturanschauung Ausdruck einer allgemeinen Weltanschauung.

Vom Landschaftsporträt der Sachlandschaft, über die Empfindungslandschaft, bei den emotionalen Erfahrungen über die Darstellung der Natur transportiert werden reicht die kunstgeschichtliche Spannweite bis zu den heroischen, metaphysischen und romantischen Landschaften. Die Natur wird als Stätte göttlichen Waltens, als Spiegel der Vergänglichkeit oder als Metapher für das Schicksal des Menschen empfunden. Die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Urgewalten der Natur, ihrem alles umfassenden Kreislauf oder der Gewalt der Elemente wird zum Ausdruck der Kleinheit des Einzelnen.

Mit zunehmender Technisierung wächst die Distanz des Menschen gegenüber der Natur.

Naturerfahrung wird kaum noch möglich, der Mensch wird immer stärker zum Mörder der Natur zum Zerstörer seiner Umwelt. Kein Wunder dass der zeitgenössische Standpunkt gegenüber der Landschaft ein Zeugnis nie gekannter Vielschichtigkeit ist.

 

Die menschenleere „irische Landschaft“ von Andreas Wachter lässt deutlich Anklänge an eine romantische Landschaftsauffassung sichtbar werden. Ohne konkrete Bildgegenstände, rein aus Farbe aufgebaut, gibt sie Zeugnis einer metaphysischen Naturauffassung.

Eine völlig eigenständige Bildsprache entwickelte Jörg Baier, der Landschaftsansichten übersetzt in ein hauchzartes lineares Gefüge. Parallel geschwungene Linien, Frottageelemente und Leerformen geben ein stilisiertes, distanziertes Bild einer beobachteten Umwelt wieder.

Ein expressives Abbild von Urformen, ein orange glühender Sonnenballs, das Ei als Urform, gibt uns der Karlsruher Maler Reinhold Braun. Dessen pastoser Farbauftrag in seinen zuweilen krustigen Strukturen zusammen mit der Leuchtkraft und Intensität zum Sinnbild für Vitalität und regenerative Kraft werden.

Uwe Pfeifers feinlinige Lithographie „Mongolischer Sommer“ hat etwas Topographisches. Dies wird schon durch die Vogelperspektive deutlich, die den Blick des Künstlers aus der Distanz des Flugzeuges spiegelt. Wenn Pfeiffer dieselbe Bergkulisse dann noch viermal in Streifen und quasi zu vier Tageszeiten übrigens in leicht verändertem Ausschnitt übereinander stellt, dann thematisiert er damit auch den zyklischen Ablauf der Natur.

Eine auf den Menschen bezogene Meerlandschaft, im Spiel mit verschiedenen Betrachterstandpunkten, findet sich bei Johannes Gervé. Der von fern gezeigte Küstenlandstrich, eine dunkle Wolke, die sich über eine klaren Himmel schiebt, enthalten Elemente von Wind und Wetter. In den geneigten Segeln, die einsam auf dem offenen Meer dahin gleiten klingt eine allgemeingültige Aussage über die Unlenkbarkeit des Schicksal dezent an.

Mit geradezu mikroskopisch genauem Blick scheint philipp h. steiner die Landschaft zu durchdringen. Die Einsamkeit des Menschen, eine geradezu spürbare Kälte, die beim Betrachter ein fröstelndes Schaudern hinterlässt wird in „Edwards Stunde“ spürbar. Die abgelegene Bushaltestelle inmitten dunkler, kahler Bäume strahlt eine beängstigende Stille und greifbare Gefahr aus.

In Stefan Kunzes Gemälde „Meer“ wird das Haus, ein wichtiges Motiv in seiner Bildsprache, erneut zum Ausdruck eines neu definierten Heimatgedankens. Es ist Rückzugsort, Hort der Geborgenheit ebenso wie Ausgangspunkt für die Erfahrung von Welt und Natur.

Die größte Distanz zur realen Landschaft findet sich in den Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers Dag Seemann. Seine Unterwasserwelten erscheinen wie virtuelle Welten des Cyberspace, sie erinnern eher an Bildschirmschoner und machen deutlich, wie sehr der heutige Betrachter seine Naturerfahrung eher durch die Medien und am Computerbildschirm erlebt, denn in der realen Natur.

Regina M. Fischer M.A., Kunsthistorikerin