Reinhold Braun, Joerg Eyfferth, Christoph Löffler, Naoko, Dag Seemann,

Roland Schauls, philipp h. steiner, Monika Thiele und Andreas Wachter

 

"ACCHROCHAGE"

 

03. Juli 2005 - 30. Juli 2005

Malerei und Grafik

Das gesamte Spektrum, der von der Galerie Supper vertretenen Künstler, ihrer unterschiedlichen Positionen, Stile und Techniken können Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren heute bei der Acchrochage, der Sommerausstellung sehen.


Gleich im Eingangsbereich verblüfft uns philipp h. steiner mit seiner kleinformatigen extrem realistischen Buntstiftzeichnung „Konstellation“ aus dem Jahre 2005. Zwei Männer, scheinbar beziehungslos, erscheinen an einem ansonsten leeren Strand. Nichts als Fragen wirft der Künstler auf. Das scheinbare Vakuum an Handlung und greifbarer Verbindung zwischen den Bildfiguren lässt alles offen, regt aber die Fantasie des Beobachters um so stärker an, zumal die Protagonisten fast klischeehaft an Helden, oder sollte ich sagen Antihelden aus alten Filmen erinnern. Über diese inhaltlichen Spekulationen hinaus, ist die Feinheit, die Präzision der hauchzarten Linien, mit der Steiner seine, bis ins kleinste Detail genaue Wiedergabe liefert, erneut höchst erstaunlich. Dies gilt ebenso für seine zweite Arbeit, die „Blaue Stunde“. Die absolut glatte Malerei, Acryl auf Holz, die reduzierte Farbigkeit und die Reduktion auf nur vier Bildgegenstände, die betonte Ausschnitthaftigkeit sind die auffallenden Merkmale dieses Stilllebens. Staffelei, Brille, Pinsel und der altertümliche Malstock verweisen auf die Malerei selbst.

Auch Jörg Eyfferths Gläser und seine Stillleben mit Bananen in einer Metallschale leben von dem hohen Grad an Realismus, mit der der Hanauer Künstler seine Bildgegenstände wiedergibt. Die Motive einzeln, oder in Reihung, erscheinen vor einem einfarbigen Hintergrund, scheinbar isoliert und ohne räumlichen Bezug. Lediglich in den grandiosen Spiegeleffekten fließen der Raum und ein oftmals fiktives Gegenüber wieder in die Bildkomposition zurück.

Atemberaubend in ihrer leuchtenden Farbigkeit, ihrer Anmut und Ausdrucksstärke ist Roland Schauls Serie der Musen. In der Antiken Mythologie sind es neun, sie heißen
Calliope, Clio, Erato, Euterpe, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore, Thalia und
Urania. Eine hübscher als die andere, die dem Künstler zur Inspiration verhelfen. Wie immer zeugen diese jeweils ganz individuellen Frauengestalten von der stets leicht ironischen, hoch intellektuellen Auseinandersetzung des Luxemburgers mit den Mythen der Kunsttradition und seiner hochmodernen, spannungsreichen Interpretation.

 

Christoph Löfflers Bilder von Kindern und Kuscheltieren bedienen auf den ersten Blick das gängige Kindchenschema. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber irritierende Merkmale der Deformation. Die viel zu großen, leicht hervortretenden Augen, der extrem schmale Mund, die abstehenden Ohren, weisen in Richtung krankhafter physiognomischer Veränderungen. Auch der Plüschtiger scheint seltsam verzerrt, so als sei er nicht richtig zusammengenäht. Isoliert, vor dunklem Grund, erzeugen sie beim Betrachter ein kaum benennbares Unbehagen, die heile Welt der Kinder und ihrer Lieblinge wird in Frage gestellt.

 

In die Welt der Comics und des Cyberspace versetzt der Düsseldorfer Maler Dag Seemann. Betont flächig, in einer Malweise, die an Plakate erinnert, gestaltet er die einzelnen Bildgegenstände. Diese werden wie in einem Staffelraum auf unterschiedlichen Ebenen verortet. Seemann hinterfragt die Sehgewohnheiten des modernen Bildbetrachters und seine von Fernsehen, Film und Printmedien geprägten Bildvorstellungen.

 

Im Mittelpunkt der Bildwelt des Japaners Naoko steht immer die Frau. Poetisch, als Ganzfigur wird sie hinterfangen von einer Art Mandorla, einbezogen in eine ornamentale Gestaltung, die das gesamte Bildformat überzieht. Anmutig bewegt, in einer Art Tanzbewegung scheint sie zu schweben. Mit Puppengesicht, großen Augen, dunklem langen Haar, stets im Mittelpunkt der Komposition erscheint sie in der Serie der „Reiterinnen“. Ikonenhaft, dabei bunt, vielleicht leicht naiv, innerhalb eines ganzen Kosmos von Ornamenten und zuweilen sakral anmutenden Motiven, zitiert er einen europäischen und fernöstlichen Bildervorrat.

 

Andreas Wachter gilt heute neben Neo Rauch als einer der bedeutendsten Vertreter der sog. Leipziger Schule. Seine realistische Malerei, in ihrer altmeisterlichen Technik, schildert häufig unbenennbare Situationen, kaum erklärliche Beziehungen, die wie Träume anmuten. In dem Gemälde „Pflegebescheid“, Mischtechnik auf Hartfaser, aus dem Jahre 2005, eröffnet sich der Blick auf fünf Bildfiguren in einem Innenraum. Für den Beobachter bleibt die Beziehung der fünf Bildfiguren zueinander unbenennbar. Zumal das subtile Spiel von Licht und Schatten nur einen schmalen Ausschnitt in der Mitte betont, den Rest in vages Dunkel hüllt. Ein weiblicher Rückenakt steht in seltsamen Kontrast zu den übrigen Personen, die bis auf zwei im Mittelgrund ohne Blick- oder Körperkontakt bleiben.

 

Von Reinhold Braun sind in der Ausstellung neben einer großformatigen Landschaft eine Serie von Kacheln zu sehen. Typisch für ihn ist die leuchtende, kräftige Farbigkeit, der pastose Farbauftrag, der den Arbeiten eine hohe Kraft und Vitalität verleiht. Während in der Landschaft, stark Ausschnitthaft ein Birkenstamm und das bei Braun immer wiederkehrende Sonnenmotiv gegenständlich erkennbar bleiben, erscheinen in den Kachelbildern die Bildgegenstände zu reinen Farbformen abstrahiert.

 

Zwei neue Fadenzeichnungen und weitere kleinfomatige Zeichnungen von Monika Thiele beweisen die Weiterentwicklung hin zu einer kräftigeren Farbigkeit. Deutlicher als bisher erscheinen die einzelnen Partien dadurch von einander abgesetzt. Hinter den alltäglichen Verrichtungen vor dem Spiegel entfaltet sie ihre tief greifenden, psychologisch durchdringenden Beobachtungen, die sich im vielschichtigen Aufbau der Fadenlinien zu einem komplexen Gefüge verdichten. Wie die menschliche Psyche aus unendlichen Verknüpfungen von Erfahrungen, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten besteht, so baut sie ihre Bilder aus sich überlagernden, überschneidenden, anstoßenden Fadenschraffuren auf.

 

Von extrem realistischen, gegenständlichen Realisationen, der Verfremdung durch plakative Darstellungsmuster, neuartige Raumkonstellationen, innovativen Techniken, bis hin zur Stilisierung, der ornamentalen Gestaltung und der Abstraktion reicht das Spektrum der künstlerischen Positionen.

Regina M. Fischer M. A., Kunsthistorikerin