Mit großem Qualitätsanspruch Jahresausstellung mit neuem Realismus in der Pforzheimer Galerie Supper in der Friedenstraße

PFORZHEIM. Ist das, was wir sehen, tatsächlich die ganze Wirklichkeit oder nur ein Teil von ihr? Wie groß oder wie klein ist die subjektive Auswahl, die unser Auge vornimmt? Vor allen Dingen: Was lässt uns der tägliche Dauerbeschuss mit visuellen Eindrücken übersehen? Die Antworten können manchmal die Arbeiten von bildenden Künstlern geben. Arbeiten, wie sie beispielsweise ab Samstag, 18 Uhr in der Pforzheimer Galerie Supper gezeigt werden, die mit dieser Ausstellung ihr einjähriges Bestehen feiert. Das Bestreben des jungen Galeristen Dirk Supper ist es, einerseits mit seinen Ausstellungskonzepten nicht jeder modischen Äfferei des Kunstmarktes nachzulaufen, andererseits bestimmte, Markt beherrschende Trends nicht ganz außer Acht zu lassen. Vorzugsweise, aber nicht ausschließlich, richtet Supper das Hauptaugenmerk in seinen hell gehaltenen Galerieräumen auf gegenständliche Kunst.

Auch diesmal hat der Galerist in der aktuellen Gruppenausstellung Arbeiten vereinigt, die sich meistenteils dem Neuen Realismus zuordnen ließen. Wirklich bemerkenswert ist der Qualitätsanspruch der gezeigten Mittel- und Kleinformate; handwerkliches Können, koloristische Sicherheit und bisweilen überraschende Sujetwahl zeichnen die Exponate aus. Da sind zum einen drei Bilder von Joerg Eyfferth, die das Thema des Stilllebens mit Äpfeln aufgreifen. Wiewohl maßstäblich vergrößert, locken die mit altmeisterlicher Lasurtechnik geschaffenen Früchte direkt zum Hineinbeißen. Entscheidend jedoch ist der Trompe d’œil-Effekt der Gefäße, Glastöpfe oder eine hochglänzende Messingschale, in der sich die Außenwelt spiegelt - ein raffiniertes Vexierspiel mit dem Betrachter. Mit fotorealistischer Genauigkeit gestaltet Philipp H. Steiner seine oft in Düsternis getauchten Tableaux. Der Maler und Zeichner, der auch als Illustrator für etliche Zeitschriften wie Geo und Stern arbeitet, ist mit zwei Werken vertreten, die eine Metaphysik des Alltäglichen heraufbeschwören.

Der Luxemburger Roland Schauls setzt sich mit Portraits auseinander, wobei er - ähnlich wie Francis Bacon - bereits vorhandene, historisch bildnerische Zeugnisse einer neuen Sichtweise unterwirft, die sowohl sich eines herkömmlichen Realismus’ bedient als auch manchmal in eine flächige Abstraktion übergeht. Farblich und maltechnisch überraschend ist Schauls bildkünstlerische Heiligsprechung des Malers Andreas Zorn. Ebenfalls Elemente von Ikonen und byzantinischen Heiligenbildern und anspielungsreich üppig wuchernden Dekor nimmt der Japaner Naoko auf, wobei Anmutungen japanischer Farbholzschnitte und jugendstiliger Frauenbildnisse unverkennbar sind. Christoph Löffler wendet sich mit seinen subtil ausgearbeiteten Kleinformaten zwei Sujets zu, die aufs Erste harmlos erscheinen, ihre Subrealität jedoch alsbald freigeben: Köpfe von großäugigen, oft behinderten Kindern und die Abbilder oft grimmig dreinschauender Stofftiere. Seine bei Rudolf Hausner erlernte Technik setzt der Pole Thomas Kostecki für verblüffende Bilder und Bildobjekte ein, die häufig dominiert werden von verbogenen Schwarzweiß-Feldern à la Vasarely, ornamentalen Sonnen und vielerlei Zitaten aus der Weltkunstgeschichte.

Völlig neue Wege geht die Pforzheimerin Monika Thiele in einem textilen Kunstwerk, das die grafische Technik der Schraffur mit langen, geraden Linien überträgt auf ein Mädchenportrait, das mit vielfach übereinander liegenden, ganz dünnen Stickgarnfäden auf Seidenorganza fast dreidimensionale Effekte erzielt. Fein auch Thieles kleinformatige, teils als Halbakt ausgeführte Mädchenbilder. Zumindest stilistisch ein bisschen aus dem Rahmen fallen drei Bilder von Reinhold Braun, der mit extrem pastosem, manchmal in die Nähe der Buntheit geratendem Farbauftrag abstrahierte Landschaften und Gegenstände ausformt. Insgesamt eine Ausstellung, die unbedingt beachtet werden sollte.

Sebastian Giebenrath

Galerie Supper, Friedenstr. 19, Pforzheim, geöffnet Dienstag bis Freitag, 18 bis 20 Uhr; Samstag, 12 bis 16 Uhr.

Quelle: Pforzheimer Zeitung vom 28.11.2003

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