Stefan Kunze

Heimat 2004

Malerei

22. Juni 2004 bis 24. Juli 2004

  

In den Arbeiten von Stefan Kunze geht es in erster Linie um Malerei. Sein wesentliches bildnerisches Mittel ist die Farbe. Die Farbe an sich in ihrer variationsreichen Erscheinung, als Valeurs, in dem differenzierten Nebeneinander von kontrastierenden Farben, im subtilen Spiel von Hell und Dunkel.

Besonders auffallend ist seine Virtuosität beim Erzeugen unterschiedlichster Oberflächen und Strukturen im Farbauftrag.

Grundvoraussetzung um diese Wirkungen erzeugen zu können ist die vollständige Beherrschung der Technik. Ergebnis eines sorgfältig studierten, vielfach erprobten und nicht selten experimentellen Umgangs mit Pigmenten und Bindemitteln. Öl- und Tempera, zuweilen auch Terpentin als Binder um glänzende, dünn vermalbare Farben zu gewinnen.

Die Farben werden selbst gemischt. Nur so lässt sich diese Vielfalt abgestufter Farbnuancen erreichen. Der Maler betont den gravierenden Unterschied etwa eines Schwarz, das aus den komplementären Tönen Rot und Grün entstanden ist, zu einem Schwarz das als Summe vieler Farben entstand. Auffällige Risse und Kraqueleen sind bewusst erzeugt durch übereinander legen verschiedenen, sich abstoßenden, Farbmischungen.

Die auffallend hochformatige Arbeit, mit dem Titel „Einbruch im Alltag“, weist als gegenständliche Bildelemente ein Haus, mit einem kleinen Anbau, einem Schuppen oder einer Garage und zwei Fenstern in der Frontseite auf.
Es erscheint vereinfacht dargestellt. Das Haus steht auf einem grünen Grund, auf Rasen. Es hat also eine Standfläche und damit Stabilität. An dieser Stelle herrscht ein Tiefenzug, ein gewisses räumliches Moment. Das Haus selbst ist in Parallelperspektive gegeben. Leuchtende z. T. reine Farben, bilden als einzige größere geschlossene Farbflächen die Form. Verschiedene Rottöne und grün stehen sich als Komplementäre Farben kontrastierend gegenüber.

Eine Graue Diagonale nimmt die Stabilität, sie wird in der rechten Bildhälfte etwas unterhalb der Mitte durch eine breite gegenläufige hellere Partie aufgenommen und im Schwung nach oben fortgesetzt.

Von Oben verläuft ein dunkler grau-schwarzer Streifen, ein Schlot. Der Betrachter assoziiert Bedrohung.

Kleinteilige Farbflächen, Linien, Gitterstrukturen bilden einen differenzierten Kontrast.

Dazwischen tun sich Räume auf, findet man Tiefe, ein nebeneinander von vorne und hinten, eine vielfach vernetzte Abfolge von Vorder- und Hintergründen. Oben links stabilisier ein grobes Raster aus schwarzen Linien, das komplexe Gefüge.

Blaue Farbpartien, möglicherweise Versatzstücke eines Himmels komplettieren die Assoziationsfülle von Landschaftselementen.

Somit erhält Kunzes annähernd abstraktes Bildgefüge alle Elemente einer Weltlandschaft.

 

Das Spannungsverhältnis zwischen dem Haus, einem Heim, dem Moment der räumlichen Geborgenheit und der weit verzweigten unendlich vielschichtigen Weite schwingt auch im Titel der Ausstellung „Heimat 2004“mit.

Heimat, das ist das Thema, mit dem sich der Maler Stefan Kunze seit geraumer Zeit auseinandersetzt. Ganz bewusst arbeitet er dabei mit diesem ambivalenten, etwas antiquiert wirkenden, leicht suspekt gewordenen, mit zahllosen Klischees behafteten Begriff.

Dabei ist es die gemeinsame Erfahrungswelt, derselbe historische und kulturelle Hintergrund, der beim Betrachter die ähnlichen Assoziationen wachruft.

Heimat, das ist ein, gerade in der deutschen Geistesgeschichte, häufig auftretender Sehnsuchtsgedanke. In der Romantik verklärt, wurde Heimat im 20. Jhd. mit der nationalsozialistischen Blut- und Bodenideologie zu einem fatalen Argument für zahllose Verbrechen und unendliches Leid. Gerade mit dem, durch diese historische Dimension, problematisch gewordene Verhältnis zum Heimatbegriff spielt Stefan Kunze.

Heimat ist privater Rückzugsort, Geborgenheit, Kindheit und das vermeintliche Aufgehobensein im Vertrauten.

Klischeehaft assoziiert man kleinbürgerliche, Idylle Spießigkeit, Gartenzwerge oder hohe Tannen oder fühlt sich mitunter an das Werbemuster der Bauspaarkassen erinnert. Heimat ist aber auch und das wird hier sehr deutlich, oft erst von außen her erfahrbar, wird erst kostbar aus dem Verlust, der Distanz oder aus der Entfremdung heraus; und ist auf der anderen Seite aufs engste verknüpft mit der Sehnsucht nach der Ferne.

Kunzes Heimatsymbol ist ein kleines Haus mit Satteldach. Es suggeriert in seiner räumlich, parallelperspektivischen Darstellung die Geborgenheit der eigenen vier Wände und durch die geschlossenen Form einen in sich abgeschlossenen Lebensraum. Das Haus hat häufig in Kunzes Bildwelten eine feste Standfläche und ist umgeben von einem nachvollziehbaren Bildraum.

Durch diese subtil eingesetzten Mittel versteht es der Künstler in uns die ganze Bandbreite an gemeinsamen Assoziationen und Erfahrungen wachzurufen.

Neben dem Haus, das eingebunden ist in ein vielschichtiges Geflecht von Formen und Strukturen oder isoliert innerhalb des Bildfeldes erscheint, ist es interessanter Weise das Auto, das immer wieder in Stefan Kunzes Bildern auftaucht. Ebenfalls ein Objekt an dem sich die unterschiedlichsten Vorstellungen manifestieren. Es ist Ort der Geborgenheit, typisch deutsches Statussymbol, das schwäbische „Heiligsblechle“, der Moment der Freiheit auf der Straße- und verbindet in sofern ebenso Nähe mit Ferne, Heimat mit Distanz.

Aber nicht der Inhalt steht bei Stefan Kunze im Vordergrund, sondern die Malerei.

Inhalt wird, so formuliert es der Künstler, zum tragenden Grund. Der Bildinhalt, das Konkrete verhindert die Beliebigkeit, die der abstrakten Malerei droht.

Regina M. Fischer M.A., Kunsthistorikerin