Christoph Löffler“Gesichte” 17. Juni bis 12. Juli 2003 Karin Hoffmann - Kontny
Einleitung Gefangen! , scheinen die Kinderporträts Christoph Löfflers dem Betrachter entgegen zu rufen. Das süße „Kindchenschema“ - große Augen, Stupsnase und die typisch runde Kopfform - macht nicht nur Frauenherzen weich. Und geben Sie es zu, meine Damen und Herren, es hat auch sie „erwischt“! Wirkung erfüllt: unweigerlich süß-emotional getroffen wendet man sich den Kindergesichtern zu, neben denen sich immer wieder Stofftiere finden, die in ihrer Niedlichkeit den Kleinen in Nichts nachstehen. Wuschelohrige Häschen, knopfnasige Tiger, ein frecher Löwe und ein kesses Teufelchen in Rot. Der Lieblingsteddy mit dem freundlichen Lächeln darf nicht fehlen.
Kinder wie Kuscheltiere künden von einer Zeit, die für die meisten schon einige Jahre zurückliegt. Sie erinnern an das grenzenlos anfängliche Land der Kinderzeit, in dem es noch so viele Fragen, so viele Warums gab, die Antwort aber gar nicht so wichtig war. Ein pastellfarbenes Land der Phantasie, geprägt vom Spiel mit Puppen, Autos und Murmeln, geprägt vom Erfinden seiner selbst und der Wirklichkeit, voll von bewegten Rollenspielen: heute Prinz Allgewalt, der mit dem zur grimmigen Bestie gewordenen Schmuselöwen kämpft, um die Prinzessin Tausendschön zu befreien, morgen Forscher, der eine seltene Pflanzenart entdeckt. Da wird nachgeahmt, verdreht, verformt und ironisiert. Mal ernst, mal spaßig. Der schnelle Wechsel von der einen in die andere erdachte Welt ist möglich, jede Spielvariante ist unendlich wiederholbar. Im lustvollen Spiel vertieft ist die Welt grenzenlos – und meistens auch zeitlos. Zwänge und Zwecke werden von Kindern ohne Nachdenken übergangen. Oh Leichtigkeit der Kinderzeit? Auf den ersten Blick zumindest.
Die Arbeiten/Die Technik oder „Der spielende Mensch“ (homo ludens)
Doch Christoph Löfflers eigenwillige Arbeiten – Ölbilder genauso wie Kohle- oder Kreidezeichnungen – entziehen sich schnell einem gewissen Kitschverdacht. Nicht zuletzt, da sich der Künstler auf das Wesentliche beschränkt. Kontextual losgebunden, meist auf dunklem Fond, bleibt die Szene unbestimmt und frei von jedem Schnickschnack. Gesichter wie auf Photostreifen aus einem nüchternen Paßbildautomaten. Die Augen der Kinder scheinen dem Betrachter nicht mehr großäugig neugierig, sondern vom grellen Blitzen der Kamera überrascht, zuzublinzeln. Erst beim genaueren Hinsehen läßt sich das eigenartig fixiertes Minenspiel der Kleinen und ihrer Spielkameraden erkennen. Seltsame „Gefährten“, die da gemeinsam durch Dick und Dünn gehen...
Der süße emotionale Erstkontakt des Betrachters rutscht schnell ab ins Fragen, weg von der schon altmeisterlich, detailgenau-realistisch anmutenden und dennoch trügerischen Oberfläche in ein Spannungsfeld der Brüche: Was ist mit diesen Kindern? Sie wirken plötzlich gealtert, erfahren genauso wie nachdenklich und ausdruckslos statt neugierig und offen. Manch ein Kindergesicht scheint eine harten gespannten Ausdruck zu haben. Hier und da sind Spuren zermürbenden Nachdenkens zu bemerken. Fast verzerrt und verzogen. Angestrengt schief geträumte Blicke, als hätte man die Kleinen gezwungen, schnell zu puppenhaften Erwachsenen zu werden. Das Spiel ist aus!?
Aus Plastikknopfaugen schielen die Kuscheltiere, die den Kindern in ihrer Physiognomie, in ihrem Gesichtsausdruck so unglaublich ähnlich sind, den Betrachter harmlos an und halten ihm einen Spiegel vor. Ein herausfordernder Blick, ein Flirt, aber auch stumme Anklage, betretenes Fordern: „Wann hast du eigentlich das letzte Mal gespielt?“ Wann haben Sie, meine Damen und Herren, das letzte Mal gespielt? Wann zum letzten Mal den Käfig der Norm, der Normalität verlassen? Heraus aus der Rolle des Erwachsenen zurück in die Kinderschuhe, zurück ins freie, phantasiebegabte Rollenspiel statt Verharren und Erstarren in der einen eigenen Rolle?! Ein wenig Mut zum Unterbrechen des Tagein-Tagaus, Mut zum Lust-Erleben der eigenen Bedürfnisse?! Kinder wissen, was sie brauchen. Sie erleiden und erobern die Welt gleichzeitig. Weil ihr Leben vorrangig von diesem Eroberungsspiel bestimmt ist, ist es spannend. Es ist farbig und voller Erlebnisse - von einer schillernden Tiefe und Weite, die auch in Christoph Löfflers Arbeiten durchscheint. Vom Totalanspruch der Erwachsenenwelt werden Kinder nicht erreicht, er ist in ihrem Spiel außen vor. Und wenn er sich seine Wege in ihr Traumkönigreich bahnt, beziehen sie ihn in ihr Spiel mit ein. So leicht ist das und so ernsthaft zugleich! Und so leicht und so ernsthaft sind die Bilder des Künstlers!
Christoph Löfflers Arbeiten eröffnen damit jenseits der physiognomischen Studie inszenierte, assoziative Spiel Räume an der Grenze von Klischees. Seine Kinder- und Stofftiergesichter teilen Geschichten und Gesichte mit. Sie sind kritische Schauungen gegenwärtiger Wirklichkeit von Betrachter, Gesellschaft und Welt genauso wie Visionen einer spielerischen, allen Möglichkeiten vollen, neugierigen Zukunft. Porträtierte Spielangebote. Klagend und triumphierend zugleich.
Abschluß
Die zunächst nur mit ihrer Niedlichkeit, dem Kindchenschema lockenden Kleinen wie Kuscheltiere laden so gemeinsam mit dem Künstler ein zum Spiel mit Gedanken und Gefühlen, laden ein zum Formen von Träumen und Fragen, zum leichten, zum un-normalen Dasein auch bei anstrengenden Herausforderungen. Denn der Mensch ist nur da Kind, ist nur da Mensch, wo er spielt (vgl. Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen). Das Spiel gehört zum Leben wesentlich hinzu. Kunst und Kunstbetrachtung sind eine Ausdrucksform dieses Spiels. Also: Seien sie keine Spielverderber! Spielen sie mit! |