Verborgene Seelenregungen ausloten

Monika Thiele stellt ihre jüngsten Textilgrafiken in der Pforzheimer Galerie Supper aus.

PFORZHEIM. Frauen sind es. Die zartfarbenen Gesichter spiegeln Seelenleben. In sich gekehrt, nachdenklich, manchmal Trauer um die verlorenen Illusionen in den Augen, Skepsis oder zager Hoffnungsschimmer im Blick, verletzlich oder verletzt, lebensmatt vom Liebesschmerz, resigniertes Innehalten, Chancen abwägend oder verstört durch Enttäuschungen. Höchst realistische Abbilder weiblicher Befindlichkeit sind es in einer fast unrealistisch erscheinenden Manier, mit denen die Pforzheimer Künstlerin Monika Thiele mehr und mehr Beachtung findet, sich erfolgreich die Anerkennung von Sammlern, Galeristen und Kunstkennern erobert.

Nun ist das Portrait junger Frauen per se nicht gerade etwas Ungewöhnliches in der Kunstgeschichte. Völlig neu, aber und selbst beim zweiten oder dritten Hinsehen ungemein verblüffend, ist die Technik, derer sich Thiele bedient. Ganz feine, zumeist pastellfarbene Stickgarnfäden in verschiedenen Längen werden in mehreren Schichten auf einen blendend weißen Hintergrund aus Organza gespannt, der seinerseits auf einen Keilrahmen aufgezogen ist. So entwickelt sich allmählich aus einem die ganze Bildfläche überdeckenden Fadengespinst das Portrait. Je nach Fadenstärke wird mit Näh- oder Sticknadel das jeweils ausgewählte Farbgarn von einem Punkt der Bildfläche zu einem anderen gezogen und dort auf der Rückseite des Organzas verknüpft. Durch die Mehrfachüberlagerung der Fäden entstehen nicht nur neue Farbeindrücke, sondern es werden damit auch die Gesichtszüge samt delikatest nuancierter Schatten herausmodelliert. Einmal hat die Künstlerin die Gesamtlänge der Fäden bei einem 60 mal 60 Zentimeter großen Bild nachgemessen: 1,8 Kilometer! Monika Thiele, Jahrgang 1966, stammt aus Erfurt, hat in Dresden
an der Kunstakademie Malerei und Bildhauerei studiert, war seit 1994 Schülerin von Max Kaminski in Karlsruhe, kam durch Bekannte in die hiesige Region, hatte zunächst ein Atelier in Niefern, lebt und arbeitet nun seit geraumer Zeit in der Goldstadt. Viel in Holz gearbeitet hat die Künstlerin, wandte sich dann dem Zeichnen mit Buntstiften zu, erprobte Filzstifte und bunte Tinten und näherte sich damit immer stärker der Technik, die aus einem scheinbaren Gewirr tausendfacher gerader Striche (oder neuerdings Fäden) ein fast fotorealistisches Portrait entstehen lässt.

Reisen nach China

Mehrfach hat die Künstlerin China bereist, dort in vielen Malerateliers Eindrücke gesammelt: "Die Sensibilität dort hat mich sehr berührt, dieses Fließen, die Harmonie." Beim künstlerischen Spiel mit Linien verspürte Monika Thiele "ein inneres Drängen nach Material" und entdeckte eines Tages, eher durch Zufall, dass sich mit einer von ihr selbst erfundenen Sticktechnik ein Art Textilgrafik umsetzen ließe. Seit drei Jahren sind nun eine ganze Reihe dieser Bilder entstanden; eine Auswahl davon zeigt die Pforzheimer Galerie Supper ab dem morgigen Samstag um 18.30 Uhr.

"Ich will die psychische Befindlichkeit einer Person übertragen, die Zerbrechlichkeit, das Entrücktsein dieser Menschen", sagt Thiele. Zeigen will sie , dass mit diesen Personen etwas nicht stimmt, dass sie vom Umfeld durchbohrt werden mit Blicken." Und so entsteht mit jedem Portrait ein malerisch-grafisch-stofflich eingefangenes Destillat der Erfahrungen der jeweils Dargestellten. Für den Betrachter - neben der Bewunderung angesichts der virtuosen Bildtechnik - sind Thieles Kunstwerke ein stets spannendes Zwiegespräch mit verborgenen Seelenregungen. Eine außerordentlich bemerkenswerte Künstlerin!

 

Sebastian Giebenrath
 

Monika Thiele, "Monde", Hand- und Fadenzeichnungen, Galerie Supper, Pforzheim, Friedenstraße 19, bis 16. April, Dienstag bis Freitag 18 bis 20 Uhr, Samstag 12 bis 16 Uhr

 

Quelle: Pforzheimer Zeitung - Kultur - 18.03.2005

 

Pforzheim: Spiegelbilder der Selbstvergessenheit

Ebenso wie ihre Handzeichnungen (mit farbiger Tinte) bezeugen die gestickten „Fadenzeichnungen“ von Monika Thiele (geb. 1966 in Erfurt, lebt in Pforzheim) eine tiefe, intensive Vertrautheit mit den Menschen auf ihren Bildern. Zunächst registriert man Alltägliches; Szenen aus dem Intimbereich, apfelessende, trinkende, duschende Personen, deren Blick nach innen gerichtet ist. Es manifestiert sich etwas im Gesichtsausdruck, in der Haltung, in den Gesten und Gebärden. Aber man weiß nicht genau, was. Man ist auf eigene Vermutungen angewiesen, aber gerade diese Vermutungen sind es, die ein Moment von Unsicherheit erzeugen. Nach und nach, bei längerer Betrachtung, werden einfache Wahrheiten sichtbar. Von der Geschäftigkeit der Welt freie Impressionen; Stimmungsbilder, die darauf hinweisen, dass dem Menschlichen etwas Ungewisses und Unausdeutbares innewohnt. Leise, verborgene Hinweise auf fremdartige Vorgänge. Geistesabwesenheit, Gedankenverlorenheit, Verträumtheit. Spürbar: Abgründige Grenzzustände. Eine Leere, auf die alles zusteuert. Der Betrachter sieht mehr als das, was er vor sich sieht; er sieht, mit dem 2. Blick, auch - wie es C.D. Friedrich vom Maler forderte - „was er in sich sieht“.

Franz Littmann
 

(Monika Thiele, Monde; Galerie Supper Pforzheim, 22.3.-16.4.)

Quelle: Klappe auf März 2005

 

 

 

Schaltfläche zurück