Monika ThieleZeichen der Alltäglichkeit01.12.02-25.01.03Karin Hoffmann-Kontny Die Eröffnung einer Galerie für zeitgenössische Kunst setzt hoffnungsvolle Zeichen für die Kulturregion Pforzheim. Raum wird geschaffen, in dem Künstler vorwiegend des Neuen Realismus und der Neuen Figurative in ihrem Denken, Arbeiten und Sein ihre Weltsicht kommunizieren, d.h. in Kontakt mit ihrer Umwelt treten wollen. Ihre Anwesenheit, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist der erste Schritt zum Gelingen dieser Kommunikation! Die Eröffnung eines solchen Kunst- und Kommunikationsraumes ist auch ein Zeichen dafür, daß die Figurative Malerei und der Neue Realismus nicht tot sind, vielmehr eine Neu-, nicht aber unbedingt eine Wiedergeburt erleben. Denn die Künstler, die sich heute die Last der Kunstgeschichte aufladen, welche die figurative Malerei bzw. den Neuen Realismus als reaktionär und ideologisch abqualifiziert, hinterfragen die Konventionen der bildlichen Darstellung und bewerten sie in unterschiedlichster Weise neu. Diese Künstler spielen mit den formalen und stilistischen Mitteln, wie Francis Picabia und andere Vertreter der Figurative sie geprägt haben. Damit zeigen sie die Gültigkeit, aber auch die Beschränkung der figurativen Kunst auf. Sie setzen sich kritisch mit Massenmedien, fotografischen und filmischen Darstellungsweisen auseinander, die die Gültigkeit figurativer Malerei dem Vernehmen nach ja haben verblassen lassen. Sie verabschieden sich von der traditionnellen Portraitkunst oder nehmen sie wieder auf. Sie glauben nicht an den Tod der figurativen Malerei, sondern erleben sie als Quelle der Freiheit gegenüber den Dogmen der Geschichte. Figurative Malerei ist für diese Künstler voller Vitalität, fähig konzeptuale Inhalte zu vermitteln und besitzt gleichzeitig die Möglichkeit, ein visuelles Vergnügen darzustellen. Ein solches visuelles Vergnügen stellen auch die Arbeiten Monika Thieles dar, die wir Ihnen am heutigen Abend und in den kommenden Wochen vorstellen dürfen. Die Arbeiten der Künstlerin setzen sich in besonderer Weise mit dem Erbe des Realismus auseinander. Beschäftigte sich Monika Thiele in früheren Arbeiten mit der Wirklichkeit der Masse Mensch, so nehmen ihre jetzigen Arbeiten einzelne Personbeschreibungen, Individuen aus der Masse heraus und stellen diese in den Kontext der Alltäglichkeit. So entstehen Bilder, die den ungeschminkten Blick auf eine Wirklichkeit freigeben, wie sie kaum Beachtung findet: die alltägliche Wirklichkeit des Menschen, die sich durch ritualhafte Zeichen wie z.B. durch das allmorgendliche Frühstücken, das Rauchen einer Zigarette und den Blick in den Spiegel vermittelt. Allein diese Alltäglichkeit besitzt eine unerhörte Rechtfertigung, ist mehr als jeder Sinn, als jede Tendenz, als jede weitere Aussage. Denn diese „Zeichen der Alltäglichkeit“, so unbedeutend sie der Außenwelt und sogar dem Individuum selbst erscheinen mögen, sind essentiell und existentiell zum Lebensrhythmus gehörend, weil sie diesen bestimmen. Die Momentaufnahmen der gezeigten Person in den Bildern Monika Thieles weisen so eine Expressivität auf, die nichts als sich selbst ausdrückt. Gleichsam durch einen persönlich-emotionalen Filter geschieht die Wahl der Modelle. Es sind Freunde, aber auch Menschen, die Monika Thiele auf der Straße, im Supermarkt oder im Cafe begegnen, die die Künstlerin in ihr Leben und Arbeiten einläßt und die ihr umgekehrt Zutritt zu ihrem alltäglichen Leben gewähren. So kann es geschehen, daß sich auch der Galerist oder die Rednerin in sonst der allgemeinen Öffentlichkeit verborgenen Situationen und Gemütsverfassungen auf den Bildern Monika Thieles wiederfinden. Die Wissbegier der Künstlerin wächst also vom kurzfristigen Interesse an der Masse zum langwierigen Sehen in der fotografischen Momentaufnahme des einzelnen und seiner zeichenhaften Alltäglichkeit. Fotos dieser Alltagszeichen dienen der Künstlerin als Vorlage für ihre Arbeiten, in denen sie sich der fotografischen Wiedergabe zwar verschreibt, sich aber nicht auf diese beschränkt. Die Bedingung, die sich Monika Thiele als Grundskizze für ihre Projektidee gestellt hat, ist eine „bewußte Begrenzung der Mittel: zum einen eine reduzierte Farb- und Stiftauswahl und zum anderen eine sehr streng eingehaltene Linienführung.“ Lediglich gerade Striche werden in die Zeichnung eingesetzt. Ziel ist es, trotz dieser selbstgewählten Beschränkungen eine konkrete Stofflichkeit darzustellen und organische Formen sichtbar zu machen. Dies geschieht durch das Überkreuzen und Aneinanderreihen von Strichen sowie durch gezielt gesetzte Licht – Dunkel – Kontraste. Durch den von der Künstlerin im fortwährenden Zeichnen als rhythmisch empfundenen Selbstlauf der Linien erweitern sich zudem die technischen Kriterien und treten mit der darzustellenden Stofflichkeit in Kontakt. Dieser Kontakt mit der Stofflichkeit erfährt in der Arbeit mit Nadel und Faden – im Sticken – eine weitere Dimension. Der Linienlauf des Stiftes wird nunmehr in die Sprache von Nadel und Faden übersetzt, Stofflichkeit wird fassbar und darüberhinaus selbst zum Bild. Der Bildträger (Seide und andere transparente Stoffe) wird auf beiden Seiten durch das Einstechen der Nadel und den Durchzug des Fadens bearbeitet und dient über seine rein formale Funktion als Bildträger als Rückgrat der Arbeit. Das Einstechen auf der einen und das Zurückstechen von Nadel und Faden auf der anderen Seite erlebt die Künstlerin nunmehr auf physischer Ebene als dem Atmen des Menschen entsprechend. Von Nadelstich zu Nadelstich, von Fadenzug zu Fadenzug wird der Künstlerin der gezeigte Mensch in seiner Alltäglichkeit mehr und mehr zum Bezugspunkt. Im Einstechen in das Rückgrat des Menschen, in den formalen Bildträger, entwickelt sich langfristig Kommunikation und Beziehung zwischen Künstlerin und Modell. Es entsteht so eine Beziehung, die sich vernetzt, verstrickt, in der Knoten sichtbar werden als Zeichen der Ambivalenz des „Gewebes Mensch“; eine Beziehung, die zum selbstsprechenden Text (lat. textum= Gewebe) wird, der nicht zu entziffernde Stellen beinhaltet. Eine Beziehung, in der es Zerreißproben gibt und in der der verbindende Kontaktfaden manches Mal auch schmerzlich spürbar durchtrennt wird. Die Durchsichtigkeit des Bildträgers Seide weist hier noch einmal über sich hinaus auf die Verletzlichkeit des Fadengeflechts Mensch und seiner Beziehungen hin. Der Betrachter ist aus dieser Beziehung, die auch seine Beziehung zum alltäglichen Leben ist, nicht ausgeschlossen. Die Kommunikation mit den Werken und der Künstlerin drängt sich vom Inhalt her auf, weil Motivation, Arbeitsmethode und –motiv in jeder Arbeitsphase für Monika Thiele in enger Verbindung zueinander stehen. Die Arbeiten Monika Thieles zeigen auf diese Weise mit Nachdruck, daß die realistische Malerei ihre Berechtigung hat –noch immer und wieder. Es ist das Rätsel der totalen Identität in der gezeigten Alltäglichkeit, das Rätsel des Moments, der in der nächsten Minute schon ein anderer sein kann. Dieses Rätsel ist alltägliche Realität. „Ein Pickel ist ein Pickel.“ (Zitat Karl Pawek) Alles ist, wie es ist. „Der Mensch wird alltäglich sein, oder er wird nicht sein.“ (Zitat Henri Lefebvres, Critique de la vie quotidienne, Bd. 1, S.132) |