Monika Thiele
"Monde"
19.März 2005 - 16. April 2005
Hand- und Fadenzeichnungen
Fadenzeichnungen, anstatt mit Linie und Farbe
mit dem Faden gezeichnet, textile Graphik, so lässt sich das grundlegende
Element der Technik von Monika Thiele beschreiben. Doch aus der Überlagerung,
der in verschiedenen Winkeln, Längen und Dichte übereinander gelegte Fäden,
gespannt auf hauchdünnem, weißem Organza, entsteht ein dichtes Netz. Ein Gewebe
oder besser gesagt eine Struktur. Der quasi zeichnerisch, grafische Vorgang, das
spannen oder ziehen einer Fadenlinie von A nach B gewinnt so im Aufbau
Stofflichkeit, Materialität und erhält damit die Qualität eines Reliefs. Diese
Form des Bildaufbaus, die Möglichkeit dem Bildgegenstand Textur, Stofflichkeit
zu verleihen ist reizvoll. Im Fadengespinst in der Überlagerung der Fäden in
verschiedenen Winkeln modelliert Thiele ein höchst realistisches Abbild heraus.
Feinste Nuancierungen von Licht und Schatten und die Volumina bauen sich aus der
materialisierten Linie auf. Analog zum Aufbau des menschlichen Haut und
Muskelgewebes und in einer gedanklichen Dimension analog zu den unendlichen
Verknüpfungen der Synapsen im menschlichen Gehirn. Thieles Anliegen die
seelische Tiefe der menschlichen Psyche auszuloten, die Befindlichkeiten, Ängste
und verborgenen Erfahrungen auszuloten findet also im Arbeitsprozess ihre
Analogie. Ähnlich, wie das menschliche Gehirn im laufe des Lebens ein
individuelles Netz an Erfahrungen, Erkenntnis und daraus resultierenden Gedanken
und Reaktionen aufbaut, baut Thiele ihre Psychogrammhaften Porträts auf. In der
Vielschichtigkeit der Technik realisiert sie die Tiefe ihrer psychologischen
Durchdringung.
Der Titel Monde, ihrer großformatigen, jüngst realisierten Arbeit, wurde auch
zum Titel der Ausstellung. Steht er doch programmatisch für das Anliegen Thieles
die individuellen Seelenzustände auszuloten. Einerseits impliziert er das
Einzigartige des individuellen Universums, das jedem Menschen eigen ist. Des
Geflechts aus ureigensten Ängsten, Träumen, Enttäuschungen und Hoffnungen und
andererseits auch dies nachtseitige der Gedanken, die jeden Menschen im tiefsten
Innern eigen sind. Fasziniert, magisch angezogen ist Thiele gerade von den
Seelenzuständen, die das Individuum nicht nach außen trägt. Die tief im Inneren
der menschlichen Seele, hinter der alltäglichen Maske unserer Persönlichkeit
sorgsam verborgen bleiben. Monde liefert auch die Assoziation zum weiblichen,
lunaren Prinzip der menschlichen Psyche.
Einen weiteren Aspekt der künstlerischen Fragestellung manifestiert sich in der
Serie „der diagnostische Blick“, die Thiele als Hommage an die gleichnamige
Reihe des Belgiers Luc Tuymans, quasi in Fortsetzung geschaffen hat. Hier rückt
sie neben der menschlichen Physiognomie auch der Körper, der Leib in den
Mittelpunkt ihres Interesses. Der künstlerische Blick fokussiert, fixiert einen
Teilbereich der Körpers. Er rückt dem Bildgegenstand Mensch förmlich auf den
Leib. Ausschnitthaft, in Nahansicht bildet Thiele die Gesichtszüge oder den
Rumpf, diesmal eines männlichen Forschungsobjekts, im linearen Gefüge der
Fadenzeichnung ab. Die Isolation wird zum Merkmal der künstlerischen
Durchdringung. Subtil modelliert, in zarten, transparenten Nuancierungen, die
ihre Analogie in der Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit der körperlichen
Existenz ebenso, wie der menschlichen Psyche haben, heben sich die Bildfiguren
nur zart vom Bildhintergrund ab. Sie scheinen gleichsam verwoben mit dem sie
umgebenden Umfeld, analog zur zuweilen Schicksalshaften Verstrickung des
Menschen in seiner Umwelt.
Thieles Arbeiten gewinnen dabei auch narrative Qualitäten, nicht nur, wenn sie
wie in der Arbeit „Hinter dem Blick“, einen Fisch als vage, symbolische
Andeutung neben ihre Frauengestalt stellt, sondern auch in ihrer durchdringenden
Grundhaltung, die den Betrachter assoziativ auf seine eigenen Seelenzustände
verweist.
Verblüffend ist Thiels Fähigkeit mit einem fast abstrakten Bildmittel, der
Fadenlinie, einer Technik, die einerseits eine große Distanz zwischen
Künstler und Werk errichtet, andererseits jedoch gerade im langwierigen
Bildentstehungsprozess, die enorme Chance zur Durchdringung des Motivs birgt,
die Tiefe ihrer künstlerischen Fragestellung im Bild real werden zu lassen. Eine
derart adäquate Analogie zwischen Technik und Inhalt, zwischen Bildaufbau und
Bildaussage ist umso mehr faszinieren, da Thiele durch das Mittel des gespannten
oder verstickten Fadens jede seismographische Handschriftlichkeit ausschaltet.
Im Verweben einer durchdringenden Beobachtung der menschlichen Psyche und dem
sorgsamen Aufbau einer Fadenstruktur materialisiert sie ein Abbild von enormer
Tiefe.
Regina M. Fischer
M. A., Kunsthistorikerin |