„Das Ewig-Weibliche“
Malerei
22. Juli 2003 bis 30. August 2003 (03. – 18. August Kunstpause)
Karin Hoffmann - Kontny
Es ist ein Leichtes, mit stückhaften Urteilen ein Kunstwerk zu bewerten; sich eine Ordnung zurecht zu klauben, die klar spricht:
so und nicht anders ist dieses Werk zu deuten.
Doch Masahito Naoko Okamotos sich in ihrer Poppigkeit aufdrängenden Bilderwelten entziehen sich spielerisch und damit mit der nötigen Leichtigkeit dem Ernst der wissenden Deutung.
Schnipsel aus der Ikonenmalerei, Anlehnungen an die Sprache der Werbung, Kitsch genauso wie Puzzleteile aus buddhistischen Heiligenbildern und indischen Skulpturen.
Ein Sammelsurium wilder Paarungen. Bewegtes Mosaik.
Scheinbar wahllos zusammengewürfelt, fügen sich die Teile zu einer Gesamtkomposition, die das Auge durch Überschneidungen, Brüche, mannigfaltige Stilrichtungen und Techniken einfängt.
So ist die Auseinandersetzung mit Naokos fremdartig ornamental erscheinenden Werken weniger Rezension, also kritische Musterung, sondern vielmehr aufregend-anregende Geschmackslehre.
Und wer käme nicht – auf den Geschmack nämlich – gibt er oder sie seine Augen, nein, alle Sinne den koketten, fast puppenhaft posierenden Frauen im Mittelpunkt der Arbeiten Naokos hin?
Frauen, so heimlich-kätzchenhaft begierlich, mit jedem Blick aufs Neue schön.
Ganz an der zentralen Darstellung der Ikonen orientiert, locken sie den Betrachter.
Komm näher!
Angebetet wollen die Frauen sein.
Ach ja, die Frauen!
Eine ewig schäumende Gotteslust!
Zum Niederknien!
Wer kann sich dieser allseitigen, dieser vielseitigen Verlockung entziehen, deren Schönheit in Teilen wie im Ganzen besteht?
Doch sind diese attraktiven Göttinnen nun schmückendes Beiwerk oder Trägerinnen einer Botschaft?
Durch Bezüge auf unterschiedliche religiöse Symbole – der Heiligenschein aus der christlichen und buddhistischen Symbolik oder die Feuergirlanden der indischen Gottheit Shiva – scheinen diese Frauen über ihren optischen Erstreiz hinaus tatsächlich stilisiert und ikonisiert, d.h. bedeutungsvoll geheiligt zu werden.
Sie sind göttlich und menschlich zugleich.
Wirksam weiblich und unwirklich ewig.
Nicht nur der männliche Betrachter ahnt und weiß vielleicht sogar um diese zweite luftige, geistige Natur der Frauen.
Fast nebenbei verstärken die sich scheinheilig oder per Heiligenschein vermittelte Überpräsenz und die nur zufällig zugeordnet erscheinenden Acessoires die Anziehungskraft.
Puppen, einzelne Schuhe und befremdliche Reittiere finden sich genauso wie aus der Herrschaftssymbolik entlehnte Gesten und Gegenstände.
Der Segensgruß, der Reichsapfel oder das Zepter mahnen gebieterisch zur Aufmerksamkeit, vielleicht gar Unterwürfigkeit.
Niederknien!
Man(n) küsse den heiligen Damen die Füße.
Aus der ganzen Sammlung dieser Ikonen in klassischem Öl auf Holz oder Tempera auf Leinwand schafft der Künstler Naoko einen zweiten Himmel, der zweifelsohne weiblich ist.
Doch übertrieben unwirklich in ihrem an Werbeposen erinnernden Ausdruck und darin in ihrer eigentliche Bedeutungslosigkeit als bloße Trägerinnen einer Komposition entlarvt, ermöglichen Naokos weibliche Ikonen Distanz.
Das Zepter entpuppt sich als Holzstäbchen aus dem Spiel Mikado, der Reichsapfel ist eine Banane und die Babies in den Bildern sind wohl doch nicht das glückselige Christuskind, sondern schlichtweg Plastikpuppen.
Verrenkt, verdreckt, abgeliebt und nebensächlich.
Suggerieren traditionslastige Elemente also Wichtigkeit und darin Anspruch auf Wirklichkeit, so hebt Masahito Naoko Okamoto diese durch sein Spiel mit Mitteln der Ironie, der Übertreibung, der Verformung und Verfremdung auf und überführt sie in einen Raum der Leichtigkeit.
Weg von der weihrauchverhangenen, sinngefüllten Anbetung der (Werbe-)Ikone Frau hin zur sinnlichen Wahrnehmung und ihrer Wirkung.
Frei von an den Bildern haftenden bedeutungsvollen Sujets entsteht so eine formenreiche Ästhetik, die nach nichts fragt außer nach sich selbst.
Sie will nichts als sich, sie spielt ums Spiel.
Das Image, das Imago – das Bild des Göttlichen – und seine Komposition zählen.
Der Inhalt wird nebensächlich.
Und doch bleibt kein leerer Geschmack, wenn der Künstler zum bloßen sinnlichen Genuß einlädt.
Denn der Betrachter ist es, der Naokos Werken tiefere Bedeutung verleiht, beginnt er nur selbst neugierig das Rätsel der verfremdeten und dennoch anziehenden Frauengestalten zu entschlüsseln.
Ein ästhetisches Rätsel, das sich nicht allein erotisch greifen läßt, sondern auch den Verstand anregen will.
Für Momente ließe sich so in den Frauen Sinn und Geschmack für das Unendliche erahnen.
„Das Unbeschreibliche, hier ist´s getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ (Faust II, V. Akt)
Welch Glück darum, ein Manns-Bild zu sein!
Ich kann dazu nur sagen: Und welch Göttergabe, eine Frau zu sein!