Sigmar Polke

Grafiken von 1973 - 2003

Druckgraphik

22. Januar 2005 bis 19. Februar 2005

 

Die Pforzheimer Galerie Supper eröffnet ihre diesjährige Ausstellungstätigkeit mit 35 Arbeiten des renommierten Künstlers Sigmar Polke. Zu sehen sind mittelformatige Druckgraphiken, entstanden zwischen 1973 und 2003, Offsetlithographien und Seriegraphien, zumeist in kleiner Auflagen von 70 Stück.


Sigmar Polke wurde 1941 in Schlesien geboren und musste 1945 mit seiner Familie nach Thüringen fliehen. Anfang der 50er Jahre übersiedelte er nach West-Berlin und schließlich nach Düsseldorf, wo er, im Anschluss an eine Glasmalerlehre von 1961-67, sein Studium an der Kunstakademie bei Karl Otto Götz und Gerhard Hoehme absolvierte.
 

Zu Beginn der 60er Jahren trat Polke, ungewöhnlich genug in der damaligen Zeit, mit gegenständlicher Malerei in Erscheinung. War doch das Figurative, Gegenständliche  in der Nachkriegsmoderne durch den Nationalsozialismus und die DDR mit dem „sozialistischen Realismus“ für westdeutsche Künstler suspekt geworden. Polke jedoch ging es darum, mittels eines neuen Realitätsbezugs seine gesellschaftliche und kulturelle Umwelt zu beleuchten.

Zusammen mit den Düsseldorfer Künstlerkollegen Gerhard Richter und Konrad Lueg entwickelte er den Begriff des „Kapitalistischen Realismus“. Dieser nimmt ironisierend Bezug auf die historische Problematik der gegenständlichen Kunst in Deutschland. Gleichzeitig bezieht er sich damit auch auf die amerikanische Pop-Art, deren Mittel und Bildgegenstände er aufnahm.

Sein künstlerischer Umgang mit der bunten, alltäglichen Ding- und Warenwelt unterscheidet sich jedoch deutlich von dem amerikanischer Künstler. Er erscheint ironischer, Polke verweist durch Brüche auf ein kritisches Bewusstsein gegenüber der Ding- und Konsumwelt.

Er stellt Gegenstände der alltäglichen Lebenswelt in den Mittelpunkt, nimmt das Banale in die Kunst auf und stellt es mit den Mitteln der Kunst als banal heraus. Dadurch verweist Sigmar Polke auf die Banalität der Alltags- und Konsumwelt der Durchschnittsbürger.

 

Der spielerisch, ironisch-süffisante Umgang mit der Konsumorientierten Haltung der Massengesellschaft, den Symbolen der Warenwelt, wird auch in Polkes Druckgraphiken von 2002 mit Titeln wie „Unerwünschte Geschenke“, „Bargeld lacht“ oder „Lila Geschenk“ deutlich. Eine Thematik, die Polke erstmals in den Spätzeiten des Wirtschaftwunders beschäftigte gewinnt angesichts der Schnäppchen-Kultur und „Geiz ist geil“ Mentalität unserer Tage wieder allerhöchste Aktualität. Die Kehrseite dieser oberflächlichen kapitalistischen Gesellschaftsform führt uns Polke in der 1973 entstandenen Offsetlithographie „New Yorker Bettler“ vor Augen.
Der thematische Bezug zum bürgerlichen Freizeitverhalten und die Flucht in eine Scheinrealität werden in der Serigraphie „Filmverführung“ aufgenommen, wenn die typische vierköpfige Kleinfamilie auf der Polstercouch vor dem Fernsehgerät aufgereiht erscheint.
 

Bezeichnend für Polke ist eine inhaltliche Vielschichtigkeit, die dem Betrachter nie die eindeutige, rasche Interpretation erlaubt, ja sich zuweilen gänzlich hermetisch der Deutung verschließt.

Um Polkes zitathaftem, anspielungsreichem Umgang mit Bildmaterial des 18. und 19. Jahrhunderts, zumeist handelt es sich um Stichwerke, die an Daumier oder Busch gemahnen und seinem literarischen Zitatenschatz auf die Spur zu kommen bedarf es einiger Anstrengungen. Inhaltlich wie formal überlagern sich nicht selten mehrere Ebenen.
Gut repräsentiert in der Ausstellung ist auch Polkes experimenteller Umgang mit den Bildmitteln und seine technische Vielseitigkeit. Neben kollagierten Fotographien stehen solche Arbeiten, die einen Ausschnitt aus einem Prospekt oder einer Zeitschrift durch zeichnerische Bearbeitung in einen anderen Kontext stellen. Historische Stiche werden in ein zeichnerisch erweitertes Umfeld einbezogen. Bei der Serigraphie „Der dritte Stand“ (1995) nimmt Polke seine kritische Bilanz der französischen Revolution des gemalten „Revolutions-Zyklus“ von 1988 nochmals auf. Einer der geistigen Väter der Französischen Revolution der Abbé Sieyès, der auch die Formulierung der „dritte Stand“ einführte, erscheint durch einen gelben Balken, der die Mittelpartie überlagert bereits kopflos. Daneben erinnert „der zweite Fall“ ein Gedicht von Christian Morgenstern von der Beugung des Werwolfs.
Serigraphien wie „Oase“ und „Ortsbestimmung“ (beide 1998) entstanden nach Rasterbildern, einer Technik, die Polke bereits seit den frühen 60er Jahren anwandte. Durch die Auflösung in Punkte hinterfragt der Künstler gleichzeitig die vermeintliche Authentizität der Fotographie, die sich als nichts anderes als ein, je nach Vergrößerung, mehr oder weniger dichtes Punktraster erweist und die Malerei, die im Malvorgang diese Darstellungsweise aufnimmt und gleichzeitig bricht.

 

Durch sein ständiges Experimentieren mit Stilen, der Verbindung von Versatzstücken aus der Alltagskultur mit historischen Elementen, Zitaten der europäischen Kunst- und Literaturtradition und den unterschiedlichsten Techniken thematisiert Polke die Rolle des Künstlers neu und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Erneuerung der Kunst im 20. Jahrhundert.
 

Zur Grafik "Der zweite Fall"

 

Der Werwolf


Der Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: "Bitte, beuge mich!"

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf", sprach der gute Mann,
"des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
den Wenwolf, - damit hat's ein End."

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
"Indessen", bat er, "füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
doch "Wer" gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

 

Zur Grafik "Der dritte Stand"

 

Abbé Sieyès, Großvikar von Chartres, schreibt "Qu´est-que le Tiers Etat" = „der dritte Stand“  im November/Dezember 1788; sie wird im Januar 1789 veröffentlicht. Sieyés wendet sich in der Schrift von seinem Stand ab. Er wird im Frühjahr als Abgeordneter des Dritten Standes in die Generalstände gewählt.

 

Zur Grafik "Der Teufel von Berlin"


Bündnis mit dem Teufel zu Berlin.


Es hat um die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Berlin eine Weibsperson, Namens Maria Dorothea Steffin, ein Bündnis mit dem Teufel gemacht. Derselbe ist zu ihr in Gestalt eines preußischen Offiziers gekommen; er hat ihr zu verschiedenen Malen Geld und zwar allezeit in goldenen Münzen gegeben, sie zur Unterschrift eines aufgesetzten Bündnisses genötigt, dieselbe geritzt, dass sie sich mit ihrem Blute unterschreiben konnte, und sie gezwungen, Gott und Alles zu verleugnen, hingegen dem Teufel zu huldigen, welcher ihr versprach, in Allem treue Hilfe und Beistand zu leisten. Doch diesem Letzten zuwider hat sie der böse Geist ins Gefängnis stecken lassen, in demselbigen sie selbst recht übel traktiert und sie notwendigerweise dazu gebracht, dass sie ihre begangene Bosheit bereuen, sich wieder zu Christo, mit welchem Belial nicht stimmt, wenden und das Vorgegangene entdecken müssen, woraus man gar bald sehen kann, dass es ihm kein Ernst gewesen, eine Seele in seinen Klauen zu behalten, worauf doch sonst sein Sinn vornehmlich gerichtet ist.

 

Zur Grafik "Lackmus"


Lackmus ist ein blauer Farbstoff, der sich aus verschiedenen Flechten, z.B. Variolaria, Roccella u. Lecanora, gewinnen lässt . Er fand früher bes. in den Niederlanden zum Bläuen von Wäsche u. zum Färben von Genussmitteln (Weine, Backwerk, Likör, Käse), Schminke u. Zuckerpapier Verw. Für die Textilfärberei ist L. wegen seiner Farbumschläge in Säuren u. Laugen ungeeignet. Heute wird Lackmus ausschließlich als Säure-Base-Indikator verwendet (bei pH 4,5 rot, bei 8,3 blau), u. zwar hauptsächlich in Form der wässrigen Lösung (Lackmus-Tinktur) u. des Lackmus-Papiers, bei dem es sich um Papierstreifen handelt, die mit schwach saurer oder alkalischer Lackmus-Tinktur imprägniert sind (Reagenzpapier). Der Hauptbestandteil des Lackmus ist polymer aus 7-Hydroxy-2-phenazinon-Chromophoren aufgebaut, was seine Verwandtschaft mit Orcein erklärt.

Lackmus wurde als chemisches Reagenz um 1300 n. Chr. von dem Arzt und Alchemisten Arnaldus de Villanova erstmals verwendet. Der Name kommt von indogermanischen: leg = tröpfeln u. Mus, da man bei der Herst. den Brei abtropfen ließ.

Regina M. Fischer M.A., Kunsthistorikerin