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PFORZHEIM. Teuer sind sie und berühmt - die
Bilder von Sigmar Polke, der zu den bedeutendsten Künstlern der
Gegenwart gezählt wird. Nicht ganz so kostspielig, doch ebenso ein
Publikumsmagnet ist Polkes Druckgrafik. Insgesamt 37 dieser zwischen
1973 und 2003 entstandenen Arbeiten präsentiert nun die Pforzheimer
Galerie Supper.
Die mittelformatigen Blätter, zumeist in einer niedrigen Auflage von 70
Stück gedruckt, weisen verschiedene inhaltliche Bereiche auf. Es ist die
ironisch gebrochene Distanz, die süffisante Spielerei mit den Zeichen
der Warenwelt, die Sigmar Polke über die Jahre hinweg seiner Kunst
dienstbar gemacht hat. Einen "deutschen Umgang mit Pop-Art" nennt die
Pforzheimer Kunsthistorikerin Regina Fischer die Eigenheit Polkes, seit
den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts diverse Elemente von
Reproduktionstechniken malerisch und grafisch umzusetzen.
So werden unter anderem die Punktraster stark vergrößerter Fotografien
genutzt, um neue, farbig gefasste Bildinhalte zu schaffen. Wie ein
höhnischer Kommentar zur derzeitigen Schnäppchen-Kultur nimmt sich eine
Grafikserie aus, die unter anderem eine Kalaschnikow zum Superpreis
anbietet oder die Sonderangebotsschlachten des Versandhandels
bildnerisch auf die Schippe nimmt. Auch die "Kardinäle" aus derselben
Serie - aus Auto, Strickmütze und Vogel entsteht in Arcimboldo-Manier
eine Menschenabbildung - verdeutlichen die konsum- und zeitkritischen
Absichten des Künstlers.
Mit Überblendungen und Schaffung mehrerer Bildebenen, aber auch mit der
Verwendung unterschiedlicher Bildsprachen und Stilmerkmalen füllt Polke
seine Grafikblätter, die als reichhaltiges Zitatenarsenal den Betrachter
bisweilen wie ein Bilderrätsel zu fesseln vermögen. So sind im
"Klassenzimmer" Elemente von Kinderstempeln und deren Negativformen
gekoppelt mit airbrush-ähnlicher Farbverteilung einerseits und einer
Mädchengestalt im Fibelillustrationsstil des 19. Jahrhunderts
andererseits. Ohnehin verwendet der Künstler des häufigeren Teile von
Druckvorlagen aus dem Zeitalter unserer Ururgroßmütter, Lithografien und
Stahlstiche aus der "Gartenlaube", an Daumier und Gustave Doré
erinnernde Illustrationen.
Einen kühnen Rückgriff auf das 18. Jahrhundert unternimmt Polke mit
seiner Serigrafie "Der dritte Stand", bildkünstlerische Anspielung auf
die Schrift von Abbé Sièyes "Le tiers état", politisch-literarischer
Auslöser der Französischen Revolution. Dabei platziert Polke in der
Bildmitte eine sitzende Männergestalt im Rokokokostüm und legt dort
einen den Kopf verdeckenden, breiten, gelben Balken waagrecht über die
gesamte Bildfläche, wo einst der Stahl der Guillotine den Nacken
getroffen hat. Durch die Koppelung mit Bildzeichen der Gegenwart, zum
Beispiel der Werbegrafik, zeigt der Künstler die Zeitlosigkeit
menschlicher Charakterschwächen auf und die daraus resultierenden
gesellschaftlich-politischen Verwerfungen.
Zusammen mit Konrad Lueg und Gerhard Richter hat Sigmar Polke den
Begriff des "Kapitalistischen Realismus" entwickelt - mokantes, in Kunst
umgesetztes Räsonnement über die "konsumorientierte Haltung der
Massengesellschaft". Gerade in seiner, nun in Pforzheim zu
besichtigenden Druckgrafik liest Polke dem modernen Menschen kräftig die
Leviten und belebt damit auch die Frage neu, welche Rolle dem Künstler
als Seismografen gesellschaftlicher Zustände zukommt. Für Kunstkenner
und Kunstinteressierte ist diese Ausstellung ein absolutes Muss.
Sebastian
Giebenrath
Sigmar Polke, Druckgrafik,
Galerie
Supper, Pforzheim, Friedenstr. 19,
bis
19. Februar. Vernissage am 22. Januar, 18.30 Uhr
Quelle:
Pforzheimer Zeitung vom
21.01.2005 |