„Paraphrasen und Allegorien“
16.03.03-12.04.03
Karin Hoffmann-Kontny
Einleitung
Schweigen. Köpfe drängen sich vor Gemälden. Hier und da ein bestätigendes Nicken, an anderer Stelle: unverständiges Kopfschütteln. Man unterhält, berät sich. „Mich spricht das an. Das könnte doch...?“ oder ein bedeutsames „eindeutige Bezüge zu Velázquez.“
Aber was will der Künstler mit diesem und jenem Bild wohl sagen?
Zum Glück gibt es Menschen, die einem das erklären können...
Ist es wirklich so? Können Bilder nur mit dem dazugehörigen Erklärungsgebäude leben? Lässt tatsächlich erst der Text die Bilder sprechen? Trauen Sie tatsächlich mehr Ihren Ohren als sich Ihr eigenes Bild zu machen?
Dann wäre Kunst eine elitäre Angelegenheit – wer gebildet genug ist, wer den Interpretationsschlüssel kennt, der kann Kunst wahrnehmen.
Wo bleibt da aber der Kunstgenuss?
Kunst – eine Sache des Gehörs oder was für´s Auge?
Wahrnehmung von Kunst
Wer ein Bild wahrnehmen will, das von sich behauptet, Kunst zu sein, der muss Distanz zu ihm einnehmen, d.h. sich gegenüber dem Bild autonom und frei verantwortlich verhalten können. Kunst vereinnahmt nicht durch Eindeutigkeit, sondern ist gerade darin Kunst, dass sie dem Betrachter einen Freiraum der kritischen Distanz ermöglicht. Einen Raum, in dem er sich frei bewegen, in dem er sich von einem Bild ansprechen lassen kann – kurzum: einen Eindruck gewinnt, der positiv wie negativ ausfallen kann.
Dieser erste Zugang zu Kunst ist möglich, weil und wenn ein Bild sich kommuniziert, den Betrachter anspricht, indem es etwas behauptet.
Es formuliert Thesen und Antithesen und erzeugt darin eine Spannung, die zum Entdecken und Aufdecken anregen kann und will. Das Gemälde sagt etwas aus, wirft dem Betrachter eine Behauptung entgegen – das Spannende wäre doch nun, einen Schritt weiter zu gehen und sich auf den Dialog mit dem Bild einzulassen.
Aus diesem Dialog schließt sich der Künstler, schließt sich Roland Schauls nicht aus.
Er sich dem Anspruch der Wahrnehmbarkeit und darin Kommunikationsfähigkeit von Kunst verbunden. Damit steht er inmitten des Dialogfeldes von Kunstbetrachter und Bild.
In seinen meist großformatigen Bildern realisiert Roland Schauls diesen Anspruch ästhetisch, formal und inhaltlich.
Technik
ästhetische Realisierung
Einen pastosen Farbauftrag vermeidet der Künstler gezielt, würde dieser dem Betrachter doch nur gewaltsam eine Wirklichkeit bzw. eine Bedeutung vorgaukeln, die so nicht existiert. Daher nimmt er die zuvor aufgetragene Farbe immer wieder mit einem Spachtel ab, bis nur noch ein leichter transparenter Schleier auf der Leinwand zu liegen scheint und suggeriert damit Leichtigkeit, die zugleich Raum lässt für weitere Imaginationen und Reflexionen des Betrachters, für den Dialog mit dem Gemälde.
formale Realisierung
Auch die gewählten Perspektiven, Linien, Ebenen und Ränder in den Bildern Schauls drängen sich nicht auf, sondern sind „Mittel“ zur Aufrechterhaltung der Spannung im Seh- und Dialogprozess. Sie dienen als Fix- und Orientierungspunkte, an denen sich das wahrnehmende Auge festhalten, an denen entlang es sich bewegen kann.
Sehgewohnheiten werden bewusst aufgebrochen, indem diese verschiedenen Elemente entgegen der üblichen Wahrnehmung spannungsvoll auf der Leinwand angeordnet werden.
Der Künstler regt damit eine bewusste, nicht rein emotionale Betrachtung seiner Werke an und weist somit bereits über den Erstkontakt des Gefallens oder Missfallens eines Bildes hinaus.
inhaltliche Realisierung
Deutlich weist Roland Schauls in der Wahl seiner Themen auch den Anspruch zurück, Kunst neu zu erfinden. Seine Werke beschäftigen sich mit bekannten figürlichen Sujets: Porträts finden sich genauso wie Gruppenbilder, Stilleben oder Atelierszenen, in denen er Bezug nimmt auf berühmte Maler. In seinem Arbeiten sieht sich Schauls eingebunden in die Traditions- bzw. Kunstgeschichte, mit der er sich eingehend beschäftigt und mit der er meist spielerisch bzw. auch ironisierend, d.h. Distanz schaffend, umgeht.
Allegorisierend – neu interpretierend – und paraphrasierend, d.h. umschreibend und umformend geht er an Themen wie Porträts und Atelierszenen mehr oder weniger berühmter Vorgänger heran und tritt damit in den Dialog mit der Geschichte.
Schauls meist zyklisches Arbeiten ist somit Zeichen des sich Annäherns an eine Person, einen Gegenstand oder eine Szene. Symbolische Konstanten bzw. wesentliche Merkmale wie z.B. die der Krone in den Bildern von Friedrich II tauchen immer wieder auf, machen das Auge aufmerksam und zugleich kritisch. Geht es hier nur um die Darstellung des Typus König oder vielmehr um das Individuum, das sich dahinter verbirgt?
Schauls suggeriert in dieser wie in anderen Arbeiten Geschichten. Was kann der Betrachter über das Typenmerkmal Krone hinaus wahrnehmen? Ein Lächeln im Gesicht des Königs oder Zeichen der Anstrengung? Eine Ahnung davon, dass die mit der Krone verbundene Macht nicht nur Lust, sondern auch Last bedeuten kann? Der Eindruck des Lebendigen, der von der Porträtreihe Papst Innozenz` X ausgeht? Nie sieht es so aus, als erstarre er in einer einzelnen Pose, er wandelt sich scheinbar vor den Augen des Betrachters. Das Bild scheint eine Vielzahl von Deutungen anzubieten, weil es sich gegen das Erstarren sträubt. Es wehrt sich gegen die eine wahre Bedeutung.
Und dennoch ist es exakt. Zweideutigkeiten in der Interpretation sind nicht möglich. Papst Innozenz bleibt Papst Innozenz.
Schlußworte
Durch diese Spannung und die bewegte Mehrdeutigkeit, nicht aber Beliebigkeit der Interpretation in Schauls Arbeiten entsteht somit das, was Kunst erreichen sollte:
nicht das Beharren des Künstlers auf den einzig wahren Interpretationsschlüssel, sondern der Dialog zwischen Künstler, Betrachter und Bild.
Kunst kann, sollte aber nicht nur gefressen werden.
Sie ist in erster Linie mit dem Auge erfahr- und erkennbare Kommunikation, die nach dem eigenen Urteil des Betrachters verlangt – nach dem Vertrauen auf die eigene Wahrnehmung und das eigene Wissen sowie auf Wissen und Wahrnehmung des Künstlers.