Roland Schauls

Possen auf dem Deich

Malerei

16. Oktober 2004 bis 13. November 2004

  

Bereits der Titel der Ausstellung „Possen auf dem Deich“ zeugt von der intellektuellen und künstlerischen Spielfreude mit der der Luxemburger Maler Roland Schauls die traditionellen Sehgewohnheiten des Betrachters in Frage stellt.

Typisch für seine künstlerische Herangehensweise ist das Sich-Annähern über die Arbeit in Serien. Auf einer Reihe hochrechteckiger Gemälde erscheint eine zentrale Einzelfigur vor der Landschaft. Die Figur ist zuweilen leicht aus der Mittelachse verrückt, sie markiert die Vertikale im Bild, bzw. nimmt zuweilen in der Sitzhaltung auch die Diagonale mit auf. Die Horizontale wird durch die Landschaftszonen ergänzt. Die Landschaft selbst erscheint stark vereinfacht und entwickelt nur selten illusionistische Raumtiefe. Schauls entwirft keinen Landschaftsraum, sondern, wie er selbst es nennt, einen Stimmungsraum. Er liefert lediglich eine räumliche Chiffre, die der Betrachter, in seiner seit der Renaissance an die zentralperspektivische Konstruktion gewohnten Sehweise, als Landschaftsumraum zu erkennen glaubt.

Die waagrecht angelegten, breiten Farbzonen suggerieren Seegras und Dünen im Vordergrund, Sandstrand, Wasser und Himmel hinter und über der Figur. Erst auf den zweiten Blick nimmt man wahr, dass die gemalten Bildfiguren kein wirkliches Standmotiv aufweisen. Füße, Schuhe, nicht selten Stiefel, assoziiert der Beschauer lediglich mit stehen, die Umgebung mit Standfläche oder Grund. Auch bleibt die Figur ohne Plastizität. Die Ausnahme bilden Köpfe und Gesichter. Sie sind mittels Verschattung und Schraffuren oder Weißhöhung stark modelliert. Die Körper weisen kaum Plastizität auf, werfen keinen Schatten und greifen nie in den Raum aus.

Als einzige weitere Bildgegenstände erscheinen Papiertüten, einzeln oder in Gruppen arrangiert. Sie nehmen dieses Spiel mit Erwartung und präziser Wahrnehmung auf. Zuweilen aufgeklappt aber ohne Inhalt bilden sie einen leeren Raum, einen virtuellen Raum, eine „leere Menge“, so Schauls. Im Gegensatz zur Umgebung findet sich hier teilweise Volumen oder Tiefe. Doch gerade in der Gruppierung werfen auch diese Bildgegenstände immer neue Fragen auf. Gestaffelt aber nicht in einer tiefenräumlichen Kontinuität verortet, wird zumeist nicht klar erkennbar ob sie in Auf- An- oder Untersicht gegeben sind. Henkel und Kanten irritieren und hinterfragen die Konvention einer als korrekt empfundenen Räumlichkeit. Schauls regt den Betrachter zur Reflektion über den Umgang mit der Räumlichkeit an. Seit der Renaissance versuchte die Malerei auf der Leinwand, mittels der Zentralperspektive, die Illusion von Tiefenräumlichkeit zu erzeugen. Dagegen steht der bewusste verzicht auf Räumlichkeit in der Malerei des Mittelalters, in der europäischen Avantgardekunst seit Ende des 19. Jhd. und in der künstlerischen Ausdruckssprache zahlreicher außereuropäischer Kulturen.

Viele der Gemälde von Roland Schauls erwecken beim Betrachter das Gefühl eines „dejà vu“, eine Erinnerungen, an Sommerfrische, Badeurlaub, an die traditionellen Seebäder des 19. Jhds.. Die reduzierte Farbigkeit, bestehend aus grasigen Grüntönen, Türkis und Ocker erzeugt meisterlich eine sonnendurchflutete, klare, maritime Atmosphäre voll belebender Luft und leichter Brise. Durch eine nicht selten komplementär kontrastierende, schmale rahmende Farbschicht unter dem eigentlichen Bild steigert Schauls die Leuchtkraft seiner Farben.

Typisch für den Luxemburger Maler ist die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, so nimmt er immer wieder bekannte Motive auf und verarbeitet sie in seinen Werken. Durch die Einbeziehung eines Zitats in einen neuen Kontext werden neue spannungsreiche Bezüge aufgebaut, wird eine neue Dimension auf inhaltlicher Ebene eingeführt. Hier sind es in erster Linie die Bildfiguren, die in ihrer Haltung, den schmalen, oft hängenden Schultern an den berühmten „Gilles“ von Watteau erinnern. Diese Figur lässt sich einerseits auf das „ecce homo“ Motiv, des leidenden auf seine verletzliche menschliche Existenz als Mensch reduzierten Christus beziehen, oder auch auf die Parallele des Künstlers mit dem Narren, also auf die poetischen Existenz des Menschen.

Diese Anklänge, an eine inhaltlich vielschichtig deutbare, häufig ambivalente Bildfigur werden auch in einem Schriftzug in einer der großformatigen Arbeiten aufgenommen. Hier erscheint die Bildfigur vor leuchtenden Farbflächen, wobei ein minutiöser Landschaftsausschnitt in der linken oberen Bildzone durch einen Vorhang freigegeben, an die Landschaftsausblicke florentinische Porträtmalerei der Renaissance erinnert. Auffallend auch hier die Geschlossenheit der Bildfigur, die Arme nah am Körper, greift sie nicht in den Raum aus.

Farbige Fläche und Linie sind in den Werken von Roland Schauls gleichwertige Bildkomponenten. Sie stehen nebeneinander und nicht als Vorzeichnung und ausgeführte Malerei nacheinander. Sie markieren gleichberechtigt die einzelnen Phasen eines komplexen Bildfindungsprozesses.

Schauls strebt nicht die Wiedergabe eine Realität an, sondern spielt mit den Imaginationen des Betrachters. Seine in einigen Fällen zitathafte, stark assoziative Malerei weckt beim Betrachter Erinnerungen und löst bestimmte Erwartungsmuster aus, die sofort gebrochen und in Frage gestellt werden.

Regina M. Fischer M.A., Kunsthistorikerin