Roland Schauls

Possen auf dem Deich

Lesung

Posse auf dem Deich

Abgemagert bis auf die Knochen blieben mir neben einer leeren Papiertasche, deren Farbe zu meinem schwarzen Gemüt passte und in der ich vor Tagen noch mein bis dato letztes Brot getragen hatte, und einer Pizzaschachtel, die dort auf dem Deich gelegen hatte und deren Inhalt zu meiner Enttäuschung bis auf die letzte schluckbare Essenz an Teig, Tomate oder Käse von ihrem ursprünglichen, gut genährten Besitzer arglos verzehrt wurde, nur noch die Kleider, die ich am Leibe trug:

Die abgetragene Jacke, deren einst leuchtendes Beige unter dem Einfluss der in der Gegend meines Lebens im Überfluss vorhandenen Feuchtigkeit zu einem schmutzigen Braun mutiert war, das sich vom Farbton meines Hutes nicht unterschied, obwohl dieser nicht jünger an Jahren und seiner Farbe stets treu geblieben war; das weiße Hemd, für das ich nach dem Erwerb meines besagten letzten, längst verspeisten Brotes meinen ebenso letzten Cent gegeben hatte; die im Dreck stehende Jeans, welche ich mir in besseren Zeit schon nicht leisten konnte, was beides auch für die Sportschuhe galt; diese waren allerdings ein Geschenk eines edlen Herren, der es grundlos gut mit mir gemeint hatte. Zu meinem Glück sollte sich eine ähnlich günstige Begegnung an diesem Tage wiederholen.

 

In einer kleinen Hafenstadt nahe der belgischen Grenze fand ich endlich Arbeit. Die Zahl der Schritte, die hinter mir lagen, vermochte ich nicht zu schätzen. Noch müder als meine ohnehin erschöpften Beine waren meine Augen, als wäre ich den langen Weg entlang der Küste auf ihnen gegangen.

 

Sie waren satt von dem immer gleichen Grün der weiten Wiesen, dem monotonen Ocker des feuchten Sandes und dem stetigen Blau der rauen See. Sie waren satt von den sich im Winde immer neu bildenden Grüntönen der weiten Wiesen, den abwechslungsreichen Schattierungen des ockerfarbenen feuchten Sandes und dem sich nie wiederholenden Farbenspiel der rauen See in allen Facetten, welche das Blau zuvor selbst nicht an sich gekannt hatte. Eine Sattheit, die ich meinem Magen gewünscht hätte. Er musste das einzige Organ und der alleinige Körperteil in mir sein, der nicht erschöpft war, hatte er doch lange keine Anstrengung unternehmen müssen, und war er doch sogleich der Teil meines Körpers, der Anstrengungen am meisten liebte und Untätigkeit unvergleichbar stark verabscheute.

Er tat dies offen Kund, was den auf den ersten müden Blick hartschalig erscheinenden Reeder, bei dem ich anzuheuern beabsichtigte, zunächst verunsicherte, um dann seinen weichen Kern zum Vorschein zu bringen. Schließlich war ich an und für sich von eher schmächtiger Statur, was nicht für meine Ausdauer sprach. Doch lehrte mich der lange Weg mitsamt dem Hunger, der mir bisweilen ein zwar nicht treuer, aber stets wiederkehrender Gefährte war, ausdauernd zu sein. Eine Ausdauer, die während des langen Zögerns des Reeders in hoffnungsvoller Erwartung der so dringend benötigten Arbeit und des damit verbundenen Lohnes an ihre Grenzen stieß, durch den Handschlag des neuen Herren aber zunächst ihre Ruhe fand, um sich nur eine Stunde später von Neuem beweisen zu müssen.

 

So schleppte ich nun bereits 60 Minuten nach jenem Handschlag und während der darauf folgenden Wochen Kisten auf Schiffe und trug Säcke an Land. Die Arbeit war hart, vor allem während der ersten Tage, in denen mein zuvor spärlich genährter Körper überfordert war. Im Laufe der langen Stunden jener Tage wünschte ich mir oft, leere Papiertaschen tragen zu dürfen, wie mir dies kürzlich vergönnt war. Wenn ich es mir jedoch recht überlegte, war die Last der leeren Papiertasche schwerer als der Kohlensack, den ich soeben trug. Ich konnte mir ein Zimmer im "Au vieu Cheval" mit warmem Abendessen leisten und es blieb sogar Geld zum Sparen. Nach dem Essen trank ich meist noch ein paar Bier und rauchte einige Zigaretten, um dann todmüde ins Bett zu fallen. Mir war warm und ich war satt, das war das Wichtigste.

 

Freunde fand ich zunächst keine. Ich suchte sie nicht. Das Geschwätz der Arbeiter und das Geprahle der Seeleute waren mir zuwider. Nur der alte Picard setzte sich von Zeit zu Zeit an meinen Tisch, erzählte eine Geschichte und trank seinen Pernod. Ihm hörte ich gerne zu. Er war der Einzige, der zugab, dass seine Erzählungen erfunden waren und der Einzige, der nicht versuchte, mit noch haarsträubenderen Geschichten die Herkunft seiner Narben zu erläutern, und derer hatte er in den achtzig Jahren seines Lebens zahlreich gesammelt.

 

Eines viel zu frühen Wintertages - Schnee, ein seltener Gast, hatte sich auf den Dächern des Hafenstädtchens niedergelassen - saß ich zur Mittagszeit allein an meinem Tisch, trank ein Glas des Anis-Wassers und betrachtete abwechselnd die Spiegelungen der Häuser im Wasser des Kanals, der ob seiner kaum merklichen Bewegung keinen nahe gelegenen Zugang zur See zu haben schien, obwohl sich der Deich gleich hinter der bunten Häuser-fassade zur Rechten meines Blickes befand, und die beiden düsteren Bilder an der Wand neben dem Fenster, das mir den Blick auf den Kanal und eine stattliche Burg vergönnte, die mich an meine luxemburgische Heimat erinnerte;

Bilder von Menschen, denen man ansah, dass ein Leben am Tresen nicht unbedingt vorteilhaft für die Attraktivität der Gesichtszüge sein musste. Ihr Anblick bremste die Geschwindigkeit mit der das geistreiche Wasser Schluck für Schluck unter wärmendem Brennen in meiner Kehle verschwand.

 

Picard schienen diese Bilder nicht zu bedrücken. Er saß am Tresen und führte sein Glas in regelmäßigen Abständen, binnen derer man sich nicht zum Blinzeln gezwungen sah, zum Mund. Die Beine seines Hockers scheuerten ob seiner lebhaften Diskussion mit Richard, dem Barkeeper, auf den dunklen Schiffsdielen, die zu dieser Gegend besser passten als zu anderen Böden in Häusern dieser Welt.

Ich war erschöpft. Der Blick auf zwei Kissen, die sich meinen Augen zufällig in den Weg stellten, die erfolglos nach einem festen Platz suchten und sich gegenseitig wegen ihrer Farbmuster, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, in keiner Weise mit sich und ihrem Umfeld anzufreunden vermochten, erregten mein Gemüt und machten mich gleichzeitig schläfrig. Selbst der helle Stern auf der Brust von Richards Sohn Gilles, dessen Angebot, mir noch ein Glas zu reichen ich ablehnte, und auch die Kerze, die vor mir auf dem Tisch den größten Teil ihres feurigen Lebens bereits vergeudet hatte, konnten meinen müden Geist nicht erhellen. So beschloss ich denn, noch eine letzte Zigarette zu rauchen und mich anschließend für ein halbes, zur Not auch ein ganzes Stündchen schlafen zu legen, bevor ich denn am Nachmittag wieder Kraft für die Ortsänderung von Kisten und Säcken benötigen würde.

 

Die Zeremonie konnte beginnen: Ich griff in die Tasche meiner Jacke und holte das getrocknete Gold heraus, drehte den Tabak in das Papier und formte es zu einem kleinen Röllchen. In diesen Augenblicken fühlte ich mich wohl und zufrieden. Ich steckte mir die frisch gedrehte Zigarette in den Mund. Die Streichholzschachtel in meiner anderen Jackentasche war leer. Ich schaute mich um. Mein Blick fiel auf Picard, der mich in diesem Moment zu beobachten schien, dann auf die Kerze vor mir auf dem Tisch. Ich griff nach ihr als Picard plötzlich aufsprang, wobei er seinen Hocker unter lautem Poltern umstieß, und rief:

"Halt, Junge, tu das nicht!"

 

Die in Picards Augen allem Anschein nach bedrohliche Flamme war nur noch wenige Zentimeter von der Zigarette in meinem Mund entfernt, da riss mir der Alte die Kerze aus der Hand und blies sie aus. Ich kann nicht sagen, was stärker war: der Schreck oder die Verwunderung über Picards plötzlichen Irrsinn. Die Zigarette fiel mir aus dem Mund und rollte unter meinen Stuhl.

 

"Bist du verrückt geworden, Picard?"

Ich tastete nach der Zigarette.

"Ich wollte mir doch nur eine Zigarette anzünden", warf ich ihm vor, den Grund für seine Reaktion nicht kennend.

 

 

"Hier hast du Feuer."

Picard reichte mir Streichhölzer. Er stellte den Stuhl zu meiner Rechten ein Stück vom Tisch, setzte sich und schaute aus dem Fenster. Der Himmel über der mittelalterlichen Anlage, von der aus man Meer und Land in seiner Weite erblicken können musste, trug ein helles Blau. Ich nahm einen tiefen Zug.

 

"Was ich dir jetzt erzählen werde, ist kein Märchen", sagte Picard nach einer Weile.

"Komm mit!"

Der Alte ergriff meinen Arm mit der Hand eines kräftigen, jungen Mannes. Er versicherte Richard in unser beider Namen, die Rechnung später zu begleichen. Ich folgte ihm in einem ausgeglichenen Verhältnis aus Zwang und freiem Willen.

Binnen fünf Minuten, in denen nur unsere Schritte sprachen, welche auf dem leicht gefrorenen Untergrund lediglich zerknirschte Worte fanden, hatten wir den Deich erreicht und an einer Stelle von minderer Steilheit unter engsichtiger Entsorgung unserer Zigaretten erklommen. Das weite Meer drang in unsere Augen als Picards Hand endlich Nachsicht mit meinem Arm hatte.

 

"Als mein Großvater noch ein Junge war", sagte er, "und noch kein Barthaar die Haut seines Kinns durchbohrt hatte, erhielt in der neuen Welt ein Schiffskapitän namens Henry Wise den Auftrag, privaten Schmuck von unschätzbarem Wert von Amerika nach Europa zu schiffen. Man sagt sich, Wise sei einer der größten Seemänner seiner Zeit gewesen. Wohl war er klug und besonnen, tapfer und verschwiegen, gutmütig und bescheiden. In seinen Händen war jeder Schatz gut aufgehoben. Außer Wise wusste keiner an Bord von der wertvollen Fracht. Womöglich nicht einmal seine Tochter, der einzigen Frau an Bord. Das Schiff war in erster Linie mit Leder und Tierfellen beladen. Ganz genau weiß ich das nicht. Nun, das Schiff war ein herrlicher Dreimaster, mein Junge..."

 

Ich war müde, obwohl ich die Arbeit bereits rufen hören konnte und so von Müdigkeit nichts wissen sollte, und keineswegs zu irgendwelchen Possen eines alten Mannes aufgelegt. Angesichts dieser Umstände, bat ich Picard, sich kurz zu fassen, was ihm in Anbetracht seiner Daseinsform eines alten Matrosen zu meiner Zufriedenheit gelang.

Er reichte mir eine Zigarette samt einer Streichholzschachtel, um meine Geduld erfolgreich zu fördern.

 

"Nun, die Heuer war ungewöhnlich hoch, um die Stimmung an Bord aufrecht zu erhalten. Kein Matrose sollte auf dunkle Gedanken kommen, doch so mancher ahnte, dass die Ladung wohl mehr barg, als Wise behauptete. Und obwohl der Weg gen Heimat führte, verlor Wise die Kontrolle über sein Schiff. Ein Wunder, dass es nicht allein wegen seiner überliefertermaßen hübschen Tochter zu Unruhen gekommen war.

 

So kam es dann auch eines Nachts, das Schiff war nur noch ein bis zwei Tage vom heimatlichen England entfernt, dass zwei junge Matrosen, als die Wache eingeschlafen war, die Lagerräume im Rumpf des Schiffes durchstöberten und auf eine sonderbare, verschlossene Kiste stießen. Sie brachen die Kiste auf und fanden darin den Schmuck. Schmuck, soviel, dass er der gesamten Mannschaft zu unvorstellbarem Reichtum verholfen hätte. Ach, und bestimmt fanden Sie auch Gold..."

 

Ungeduldig unterbrach ich ihn.

"Picard, nun sag' schon. Was ist dann passiert?"

Der alte Picard steckte sich nun selbst in aller Ruhe eine Zigarette in den Mund.

"Wie es kommen musste", fuhr er fort, "wusste schon bald die gesamte Besatzung, was sich dort unten zwischen den Säcken befand. Und dann..."

"Es kam zur Meuterei", unterbrach ich ihn.

"So ähnlich. Wise wusste, dass die Männer nicht zur Vernunft zu bringen waren und er verbarrikadierte die Tür zu seiner Kajüte, denn sicherlich würde er es sein, der zuerst daran glauben musste; die Matrosen konnten sich denken, dass er nicht auf ihrer Seite stand.

Sie nahmen den Schmuck und das Schiff in Beschlag. Was sich dann an Deck abspielte, weiß niemand genau zu sagen. Das Schiff änderte mehrmals den Kurs. Wise und seine Tochter, die die letzten Stunden ihrer beider Leben bei ihm verbracht haben muss, hörten Schreie und Gebrüll. Die Männer waren sich wohl nicht einig über die Verteilung der Beute und wo sie vor Anker gehen sollten. Bald war ein heftiger Kampf im Gange. Schüsse fielen. Wise hörte wie Backbord Männer schreiend ins Meer stürzten.

 

Und dann stieg er ihnen in die Nase: der Rauch. Das Schiff brannte. Vor der Kajütentür des Kapitäns krachte es laut. Er versuchte, die Tür zu öffnen, doch es war ihm nicht möglich. Sicherlich wurde sie von einem herabgestürzten Balken versperrt."

Picard war durch seine eigene Erzählung so erregt, dass seine Augen ein Stück weit aus den Höhlen drangen.

 

"Es waren nur noch vereinzelt Schüsse und Schreie zu hören, bis sie allein das bedrohliche Knistern des Feuers vernahmen.

Wise setzte sich auf einen Stuhl und nahm das Bordbuch zur Hand, um schnell das Wichtigste, was ich dir hier erzähle, zu notieren.

Als bereits langsam Wasser in die Kajüte eindrang, beschloss Wise, noch eine letzte Zigarette zu rauchen. Er nahm eine Kerze von der Wand und zündete sich die Zigarette an. In diesem Augenblick, so sagt man, verfluchte er alle Seemänner und Matrosen und sich selbst, der er sein Leben ganz der Seefahrt hingegeben hatte und nun allzu früh durch sie umkommen sollte und sein Mädchen mit in den Tod riss. Dann drang das todbringende Wasser ins Innere seiner Kajüte.

 

 

Das Schiff muss noch lange in Richtung des europäischen Festlandes getrieben sein, bevor es kenterte. Nicht weit von hier, etwa eine halbe Stunde in diese Richtung", erklärte Picard, indem er gen Westen zeigte, "trieb es vor den Augen meines Großvaters langsam auf die Küste zu und es waren nur noch die Mastspitzen zu sehen als es auf Grund lief. Keiner der Matrosen

überlebte."

 

"Was ist mit dem Schmuck?" fragte ich.

"Der liegt wahrscheinlich irgendwo auf dem Meeresboden. An Bord befand er sich jedenfalls nicht, aber das spielt keine Rolle."

"Und der Kapitän? Und sein Tochter?"

"Na, ich will es dir doch gerade erzählen. Man fand Wise ertrunken in seiner Kajüte. Sein Kopf lag im Schoße seiner nicht minder toten Tochter, welche mit ihren Händen auf eigenartige Weise sein Gesicht verdeckte, als hätte sie den Anblick nicht ertragen können.

In seiner Linken hielt Wise noch immer die Zigarette. Die Hand hatte sich verkrampft, so dass er sie nicht losließ. Er hatte höchstens noch drei Züge genommen. Seine Augen und sein Mund waren weit aufgerissen.

 

Das Bordbuch fand man in der halbverkohlten Tischschublade. Die Worte waren nur noch zum Teil zu entziffern, aber das meiste ließ sich daraus zusammenreimen. Lediglich die letzten Seiten des Buches waren verkohlt. Man konnte nur noch die Worte "furchtbare Erscheinung", "Skelett" und "Fluch" entziffern, als wären sie von einem Geist oder vielleicht vom Teufel selbst heimgesucht worden.

 

Seither, mein Junge, so sagte mir bereits mein Großvater, und der hatte Wise' Notizen mit eigenen Augen gesehen, seither liegt ein Fluch über der Seefahrt: Wann immer ein Mensch eine Zigarette mit einer Kerze anzündet, stirbt ein Seemann!"

 

Ich schüttelte den Kopf. "Ich wusste es doch: Nichts als eine alberne Posse", dachte ich mir.

 "Schau' mich nicht so spöttisch an", Picards bis dahin angenehm angeregte Stimme klang plötzlich aggressiv.

"Diesmal ist kein Wort erfunden. Ich habe es in meiner Jugend selbst erlebt: als sich einmal der Schiffskoch auf der "Princess de Printemps" eine Zigarette mit einer Kerze anzündete, fiel ein Matrose vom Aussichtsposten."

 

Ich konnte mir ein Lachen kaum verkneifen und täuschte einen Hustenreiz vor. Doch wollte ich den Wunsch des alten Picard befolgen und nahm fortan keine Kerze mehr zur Hand, um mir Feuer zu geben. Irgendwie war mir die Geschichte doch unheimlich.

 

Selbst zu nächtlicher Stunde verfolgte sie mich, da ich mehrmals von einer bezaubernden jungen Frau träumte, von der ich selbst im bebilderten Schlafe trotz ihrer nicht zeitgemäßen Kleidung der heutigen Zeit stets wusste, um wen es sich handelte. Eine junge Frau, welche nach dem Aufwachen noch einige Minuten durch mein Gehirn spukte; eines Morgens zynisch lächelnd, mir warnend den Totenkopf ihres Vaters darbietend, eines anderen Tagesbeginns mir die Zärtlichkeit ihrer Gesichtszüge vertraut machend und mit ihrem schelmischen Lachen ihre Geschichte der Lächerlichkeit Preis gebend.

 

Und dann reichte sie mir leere Papiertaschen, als wolle sie unterstreichen, wie bedeutungslos ihre und die Geschichte ihres Vaters in Anbetracht meines nicht vermissten, existentiellen Hungers doch war, als wollte sie mir weiß machen, wie schnell der Lauf des Lebens bei falschem Verhalten wieder zum Besitz leerer Papiertaschen führen konnte.

 

Oft schien sie zu schweben, losgelöst von allen Dingen und doch fest verankert im Boden meiner Träume. Ich schwebte mit ihr durch die Welten zwischen Respekt und Verachtung und verzichtete, des Respekts gegenüber Picard Willen, auf das Entzünden von Zigaretten per Kerze.

 

Der Winter zeigte sich inzwischen von seiner rauen Seite.

Es blies ein eisiger Wind, was die Arbeit nicht einfacher machte. Umso dankbarer war ich für mein warmes Bett.

Ebenso erging es Raymond. Er fand hier Mitte Dezember Arbeit und nahm sich ebenfalls ein Zimmer im "Au vieux Cheval". Er war in meinem Alter und eigentlich ein ganz netter Kerl. Seine roten Wangen waren zwei der wenigen Farbtupfer seiner Erscheinung; rein äußerlich betrachtet. In seinem Innern hingegen trug er bunt. Raymond machte sich über alles und jeden lustig, meinte es aber nicht so. Abends aßen wir gemeinsam, plauderten über alles, was uns in den Sinn kam und hörten Picard zu, wie er seine Versionen vom "Fliegenden Holländer" und anderen Possen auf dem Deich zum Besten gab.

 

Manchmal wurde es sehr spät und Raymond musste am nächsten Morgen lange an meine Zimmertür klopfen, bis ich endlich den steilen Weg aus dem tiefen Schlafe fand.

 

Weihnachten feierten wir an Bord der "Soleil de Paris", die im Hafen vor Anker lag. Wir spielten Karten und tanzten.

Dann war Silvester. Raymond und ich konnten uns zwei Tage frei nehmen. So schrieben wir Briefe nach dem verlorenen Zuhause.

 

Am Nachmittag liehen wir uns zwei Pferde und ritten durch die Gegend bis es dunkel wurde. Wir erzählten uns allerlei Geschichten. Als mir nichts mehr einfiel erzählte ich Raymond von Kapitän Wise, seinem Mädchen und von dem Fluch, vor dem der alte Picard solche Angst hatte. Raymond begann plötzlich kräftig zu lachen. Schon wollte ich ihn zur Vorsicht mahnen, da steckte ich mich an. Nur mit Mühe gelang es uns, uns auf den Pferden zu halten, benötigten wir die Hände doch zum Halten der Bäuche.

 

"Der alte Picard", meinte Raymond. "Jetzt glaubt er schon an seine eigenen Possen."

Erst nach Minuten konnte sich Raymond wieder beruhigen und strich sich die Tränen aus den Augen. Ich verriet Raymond nicht, dass mir bei alledem nicht ganz wohl in der Haut war; war doch die junge Frau, die mir des Nachts den Totenkopf so zynisch lächelnd darbot in meinen Gedanken jener mit den zarten Gesichtszügen der Lächerlichkeit zumindest ebenbürtig.

 

Als wir wenig später ins "Au vieux Cheval" eintraten war die Silvesterfeier bereits voll im Gange. Die Frauen tanzten und sangen, die Männer tanzten, sangen und tranken. Richard und Gilles hatten alle Hände voll zu tun. Am darauf folgenden Morgen sollte keine Arbeit auf uns warten, so feierten wir bis spät in die Nacht.

Raymond und ich tranken nicht zu viel, um nicht in die Gefahr zu geraten, von irgendwelchen zwielichtigen Matrosen ausgenommen zu werden. Picard trank ein Glas Wein hier und einen Pernod dort, bis er sich an einen Tisch setzte und den Kopf auf die Tischplatte legte.

 

Wir saßen am Tisch nebenan und drehten Zigaretten.

"Hast du noch Streichhölzer?" fragte ich Raymond, während ich meine leeren Jackentaschen abtastete. Raymond reichte mir eine Kerze und steckte sich gleichzeitig mit der anderen Hand eine Zigarette in den Mund.

Ich zögerte.

"Ich möchte den alten Picard nicht wütend machen."

Raymond lachte. "Glaubst du etwa tatsächlich an diese Possen auf dem Deich?"

Ich zuckte mit der Schulter.

"Mein Gott", sagte Raymond, "der Kerl ist doch total betrunken und schläft wohl hier bis morgen Mittag. Sieh ihn doch an, wie er daliegt. Er wird schon nichts merken."

Er nahm die Kerze und zündete seine Zigarette an. Dann hielt er mir die verbotene Flamme entgegen, direkt vor mein Gesicht. Ich hatte kein gutes Gefühl, doch wollte ich mich nicht lächerlich machen.

 

Es dämmerte bereits.

Wir rauchten die Zigarette zu Ende und tranken unser Bier aus. Dann entschlossen wir uns, schlafen zu gehen. Als wir aufstanden rief Richard unsere Namen und bat uns, ihm doch zu helfen, Picard in dessen Zimmer zu bringen. Er habe wohl mal wieder einen über den Durst getrunken.

 

Ich versuchte vorsichtig, den Alten zu wecken, doch er schlief fest und ruhig. Ich rüttelte an seiner Schulter. Dann spürte ich dieses unangenehme Zusammenziehen des Magens, das mit dem Auftreten von Nervosität einhergeht. Er war wirklich sehr betrunken. Schließlich versetzte ihm Raymond einen kräftigen Stoß.

 

Picard kippte langsam vom Stuhl und sank auf den Boden. Nur das verhältnismäßig harte Aufschlagen seines Kopfes widersprach dem Anschein, er wolle sich dort schlafen legen.

Er wachte nicht mehr auf.

 

Wir begruben ihn am 2. Januar; und irgendwo auf der Welt sollte an diesem Tag ein zweiter Seemann seine letzte Ruhe finden.

Jens Kreeb