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Zur Signatur erstarrte Bildwelten
Die Pforzheimer Galerie Supper präsentiert den Maler Dag
Seemann mit der Ausstellung "Paradise Garden"
PFORZHEIM. Ob folternde
Amerikaner im Irak, schneebemützte Apfelblüten im Mai oder offenherzig
dekolletierte Dschungelluder - gepixelt werden sie alle, aufgelöst in
unzählige kleine Quadrate. Und je gröber das Raster, je stärker die
Vergrößerung, desto größer auch jeweils die Quadrate, eben diese Pixel
geheißenen Farbflächen. Sogar jene, die mit Computerei wenig am Hut haben
und Fernsehen allenfalls gelegentlich benutzen, kennen die bauklötzchenhafte
Veränderung durch die Pixelierung. Denn oft werden Gesichter in Printmedien
verfremdet mit entsprechend aufgeblasenen, ineinander verschobenen
Quadraten, so dass nur ein Blick mit stark zusammengekniffenen Augen die
eigentlichen Gesichtszüge ahnen lässt.
Genutzt haben schon jahrtausendelang Mosaikkünstler den
Effekt, aus kleinen, in sich autarken Einzelteilen ein Bild zu schaffen,
dessen Inhalt sich erst enthüllt beim distanzierten Gesamtblick. Auch Maler
wie Paul Klee und Johannes Itten verwendeten diese Technik und könnten
deshalb der-einst von einer zuordnungsbedürftigen Kunstgeschichtsschreibung
als Präpixeliten eingeordnet werden.
Denn Einzug gehalten in
die Hallen der Kunst hat die pixelierte Weltschau nicht allein im Bereich
der Werbegraphik, sondern auch in dem der traditionslastigen, klassischen
Malerei.
Unter dem neckisch-neudeutschen Titel "Paradise Garden"
präsentiert die ambitionierte Pforzheimer Galerie Supper ab dem heutigen
Samstag eine Ausstellung, die reichhaltig bestückt ist mit Bildern des
arrivierten Markus Lüpertz-Schülers Dag Seemann. Die Arbeiten des
45-jährigen Malers können - und vor allem wollen sie nicht - ihre Abkunft
leugnen von der uns täglich umgebenden Pixelwelt. In unterschiedlichen
Formaten, bis hin zum Riesenrasterbild eines Christuskopfes, werden mit
meist kalkig leblosen Farben und einem trockenen Farbauftrag Gesichter oder
Gesichtsausschnitte erfasst.
Die oft wie standardisierte Ikonen einer entseelten
Werbewelt wirkenden Bilder ähneln in ihrem Gestus den in den 60er-Jahren des
20. Jahrhunderts entstandenen Pop-Art- Arbeiten von Robert Rauschenberg oder
Roy Lichtenstein. Wie diese setzt auch Seemann kommerzielles, populäres
Bildmaterial aus Katalogen und Zeitschriften ein, das zum einen reduziert
wird zu wenigen, stilisierten Merkmalen wie Augen, Nasenlöcher oder Mund in
einem sonst pure Fläche bleibendem Gesichtsumriss, zum anderen hie und da
ergänzt wird durch der Frührenaissance entlehnten, zur Computergraphik
gewordenen, tiefengebenden Perspektiv- Lineamenten. Diese zur Signatur
erstarrten Bildwelten bleiben selbst dann unerotisch, wenn sie in wenig
verhüllter Drastik einen
Cunnilingus zeigen, eine
Party halb entkleideter Frauen- und Männergestalten oder zueinandergeordnete
Paare. Koloristisch sind die Bilder von Dag Seemann unergiebig, doch
besticht die Eloquenz, mit der das Hauptmerkmal moderner,
computergenerierter Bildtechnologie, einschließlich Pixel, zur Basis
piktogrammatischer Weltverwandlung eingesetzt wird. Mit dieser Ausstellung
ist die Gelegenheit geschaffen worden, einen in der aktuellen Kunstszene
bedeutenden Maler kennenzulernen, der kunsthistorischen Eklektizismus mit
pixelveränderter Sehweise zu verbinden weiß.
Sebastian
Giebenrath
Dag Seemann "Paradise
Garden", Galerie Supper, Friedenstraße 19, Pforzheim, Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 18 bis 20 Uhr, Samstag 12 bis 16 Uhr.
Quelle:
Pforzheimer Zeitung vom
08. Mai 2004
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