Karin Hoffmann-Kontny
Einleitung
Die Zeit rast. Bilder hetzen an den Augen vorbei: Plakatierungen, Menschenströme in den Einkaufsstraßen, Dauerberieselung über Bildschirme. Visuelle Eindrücke überreizen den Sehnerv. Im Chaos der nicht nur medialen und damit retouchierten Bilderflut heißt es Schritt zu halten. Dem Auge keine Ruhe gönnen. An der Oberfläche weiter gleiten. In der totalen Äußerlichkeit bleiben.
Das Tempo der vorbeiziehenden Bilder ist nicht mehr selbst kontrollierbar, sondern wird bestimmt. Nicht mehr der eigene Blickwinkel ist gültig, sondern der erschaffene Blick auf eine Realität, die so nicht existiert: makellose Haut, immerwährende Sportlichkeit, eine Gesellschaft ohne Alter... Kann man da den Augen noch trauen? Dennoch: eine vorgebildete Realität, die man nachzubilden sucht, indem man den von ihr geprägten Bildern nachrennt.
philipp h. steiner / Vorgehen / Arbeiten
Der Mainzer Künstler philipp h. steiner stellt sich diesem temporeichen Bildersturm entgegen und wagt den eigenen Blick auf die Dinge, der vielleicht zunächst unmodern erscheinen mag. philipp h. steiner läßt sich ein auf den langsamen Blick, auf das Auge für die alltägliche menschliche Wirklichkeit. Er konzentriert sich auf den Moment und gibt der augenblicklichen Wirklichkeit Raum, die er durch die sensible Linse einer Kamera festhält. Zeit und Bilder werden durch die Fotografie angehalten, festgehalten, um sie be-greifen zu können, d.h. Kontakt mit ihnen aufnehmen zu können. Mehr noch: Die Kamera ist die Erweiterung der Augen des Künstlers. Durch ihre Optik sieht er, was er mit bloßem Auge nicht sehen kann. Sie ist „Werkzeug zur Auffindung“ des Moments, der sich im Blick für das Detail ausdrückt. So hat der Schnappschuß, die Fotografie, die dem Künstler als Arbeitsvorlage für seine gezeichneten oder klassisch in Öl und Acryl gemalten Bilder gilt, Anteil an einer gesteigerten Sensibilität des menschlichen Auges für die Feinstruktur. Das fixierte Bild gibt dem Künstler die Möglichkeit, den Moment über einen längeren Zeitraum zu studieren als es im tatsächlichen Sehvorgang möglich wäre.
Abgrenzung vom Fotorealismus
philip h. steiners Arbeiten gehen dabei jedoch über eine fotorealistische Darstellung weit hinaus, weil er – entgegen dem Vorgehen der Photorealisten – Abstand nimmt vom Aufzeigen der Differenz zwischen vorgefundener und auf dem Foto abgelichteten Realität, zwischen Abbild und Abgebildetem. In steiners Arbeiten fallen diese Ebenen zusammen: Bild und Abgebildetes korrespondieren miteinander.
Das dem langsam Sehenden vor Augen und vor die Kamera Gestellte entspricht dem Vorgefundenen, ist realistisch (vgl. Wilfried Wiegand: „Die Schönheit, die das Foto zeigt, ist eine vorgefundene.“).
Zu den Arbeiten
In seinen meist kleinformatigen Aquarellen, Bleistiftzeichnungen und Ölbildern verzichtet steiner auf surrealistische Verfremdungen. Vielmehr respektiert sein langsamer, durch die Kameralinse geschärfter Blick die Eigengesetzlichkeit des Dargestellten und anerkennt darin letztendlich Subjektivität. Seinen Blick stört nicht, was in der auf schnellen Konsum ausgerichteten Welt verdrängt und oft wissentlich ausgelassen wird: Menschen zeigen Spuren des Lebens an Körper und Gesicht. Augenlider hängen, nur selten ist die Haut so rein wie die der immer jungen Männer und Frauen in der Werbung. Der Mensch wird alt. Er erlebt Spannungen im Innen und Außen, kann häßlich sein in seinem Ausdruck. Das ist seine Realität – und dieser menschlichen Realität hat der Künstler sich mit Haut und Haaren, bis ins Detail, verschrieben.
So liegt im Detail versessenen Unterfangen seiner Arbeiten für steiner die Anerkennung dessen, was wahrhaftig, was real und ordnungsgebend ist.
Jedes Detail ist Ausdruck eines im Dargestellten – im Menschen und seiner Welt – fest gelegten Konzepts. Dieses Konzept teilt sich mit, es ermöglicht eine Kontaktaufnahme und kann in der Konzentration auf das Detail fest-gehalten,
be-griffen werden. Es bietet Orientierung im Chaos der Eindrücke (vgl. Aby M. Warburg, Theorie des sozialen Gedächtnisses: Grundaspekte von Kunst und Kultur sind Ausdruck und Orientierung; diese Aspekte drücken sich aus in konzeptualen Zeichen).
Technik/Collage
Auch in der Technik der Collage, mit der steiner arbeitet, geht das dem Dargestellten inne liegende Konzept nicht verloren. Denn die Botschaft, die durch den dargestellten Menschen oder durch den mit ihm in Verbindung stehenden Gegenstand übermittelt wird, bleibt gleich, weil sie bereits im Dargestellten selbst angelegt ist. Der Kontakt, den dieses bereits vorhandene Konzept ermöglicht, ist somit unabhängig vom Umfeld, in dem er geschieht.
steiners Collagetechnik ist darüber hinaus Ausdruck der Assoziationsmöglichkeiten, die der dargestellte Moment erlaubt: „nicht der Höhepunkt einer Handlung ist wichtig, sondern der Moment davor oder danach“.
Im Rahmen dieser Assoziationskette ist es möglich, Menschen oder Gegenstände zueinander in Bezug zu setzen, die für einen kurzen Moment in ihrer speziellen ihnen inne liegenden Botschaft miteinander korrespondieren.
Assoziationen dienen also allgemein dem Be-greifen, d.h. dem Meistern der chaotischen Eindrücke der Außenwelt und der Unterordnung unter Begriffe.
Das Bewußtsein von Distanz zwischen eigenem Ich und der Außenwelt wird geschärft und schafft einen „Denkraum des Besonnenen“, der der Zentralperspektive des Fotos entspricht.
Auch die vom Künstler gewählten Bildtitel sind Ausdruck der be-greifenden, Kontakt aufnehmenden Gedanken mit der im Detail liegenden Botschaft des Dargestellten.
Sie sind Zeichen einer Momentsprache, die nicht den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebt.
Schlußworte
philipp h. steiner ist malender und zeichnender Flaneur. Er spaziert aufmerksam durch die Straßen und Wege seiner Umgebung und würdigt ihr in Häßlichkeit und Schönheit seine verlangsamten Blicke.
Er schwimmt gegen den reißenden Strom der Bilderflut und schickt sich selbst und den Betrachter in eine Sehschule, setzt dem Chaos der Bilder „ein Filtersystem der Besonnenheit“ entgegen (Aby M. Warburg, 1929).
Sich verlieren im Eindruck, der dem Moment Raum gibt.
Dennoch: Besonnenheit in der ordnenden Betrachtung der Details. – Das ist der Gewinn des Über-blicks, der die glitschige Hülle, die oberflächliche Maske des Dargestellten durchdringt und sie griffig macht.
Das Auge fixiert. Die Zeit steht für einen Moment still.
Trauen Sie dieser Realität. Trauen Sie dem scharfen Blick des Künstlers – trauen Sie Ihrem Blick und erliegen sie der Faszination des Augenblicks!