Die Arbeiten

(zur Ausstellung "Unterhalb des Speckgürtes")

Farbenfroh und liebenswert wirkt die Bildwelt von Patricia Thoma (* 1977) auf den ersten Blick. Ihre mit Buntstift gezeichneten Bildfiguren erscheinen in kleinen Gruppen. Auch die Bildform des Leporellos, die die Künstlerin für ihre aktuelle Werkserie wählte, verstärkt den Eindruck des Spielerischen, Leichten. Dabei erlaubt das ungewöhnliche Format eine Aneinanderreihung einzelner Bildszenen, die an Bildergeschichten erinnern. Bald jedoch bemerkt der Betrachter, daß sich hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit der fast puppenhaften Gestalten eine scharfe Beobachtung gesellschaftlicher Realitäten verbirgt. So schildert Thoma die Widersprüchlichkeit der Iranischen Gesellschaft, entwirft ein lebendiges Bild des heutigen China oder führt die gesellschaftlichen Probleme der Berliner Unterschicht vor Augen.

 

Im vorliegenden Katalog wird die kritische Betrachtung der Wirklichkeit durch vorangestellte Schwarz-Weiß Fotografien veranschaulicht, die als Dokumente vorgefundener Realitäten dienen und zugleich die Inspirationsquellen der künstlerischen Auseinandersetzung belegen.

Die Arbeit „Geschichten aus Teheran“, die während eines Arbeitsaufenthalts im Iran entstand, thematisiert den widersprüchlichen, zuweilen grotesk wirkenden Alltag einer Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität zwischen Religion und modernem Lebensgefühl. Ein überdimensionierter Hamburger schwebt über drei Frauengestalten im Tschador. Die Gesichter der Frauen oder die Hände, die als einzige Körperteile aus den schwarzen Stoffhüllen herausschauen, sind geschminkt und manikürt. Sie tragen Sonnenbrillen und trinken Coca Cola mit Strohhalmen aus Pappbechern. An Stelle von Füßen wird eine runde Standplatte und ein Stab sichtbar, der die Frauen wie Figurinen erscheinen läßt und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit sowie mangelnde Selbstbestimmung markiert. In einer anderen Bildsequenz steht ein Fernseher mit einem fortwährend betenden Mullah vor einem hochaufgetürmten Stapel von bunten Limonadenkisten. „Hier trifft die von der iranischen Regierung verteufelte > westliche Konsumwelt < auf die vermeintlich islamische Tradition“, so Thoma.

 

Seit 2006 reiste die Künstlerin mehrmals zu Lehraufträgen nach China. Während dieser Aufenthalte fertigte sie zwei Leporellos „Geschichten aus Hefei“ an. Inmitten der grell- bunten Alltags- und Werbewelt chinesischer Städte schildert sie darin die Ausgestoßenheit und den Scham obdachlos gewordener Menschen. Patricia Thoma thematisiert die große Armut vieler Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde.

Gerade die praktisch völlig rechtlose Situation der Landbevölkerung, die allenfalls als Leiharbeiter in den Städten Duldung finden, zwingt Millionen von Menschen zu einem elenden Leben am Rande der chinesischen Gesellschaft.

 

Auch in Deutschland registriert die Künstlerin ein durch Arbeitslosigkeit und zunehmende Chancenlosigkeit auf Teilhabe am Wohlstand entstandene Neue Unterschicht. Die Suche nach einem kleinen, vermeintlichen Glück illustriert sie in der Serie „Jahrmarkt Berlin-Neukölln“.

Darin erscheinen junge Erwachsene mit kleinen Kindern als absolut beziehungslose, vereinsamte Individuen, sogar in Situationen intimer körperlicher Nähe:

Eine Frau küßt einen Mann hingebungsvoll, während dieser gedankenverloren in die Ferne blickt. Schon die Kinder wirken wie sich selbst überlassen. Hängende Schultern, ausdrucks- los vor sich hinstarrende Gesichter oder die vor dem Oberkörper verschränkten Arme einer jungen Frau verbildlichen die Einsamkeit und Trostlosigkeit eines sinnentleerten Lebens ohne Perspektive und verbindende Wertevorstellungen. Es werden hierin Frustrationen an- gesprochen, die durch eine vorgegaukelte Konsumwelt allenfalls kurzfristig Befriedigung finden können und in Gewalt oder Resignation münden.

 

Das Thema Gewalt nimmt Patricia Thoma auch in ihrer „Pistolensammlung“ auf, einer mehrteiligen Serie von Objekten. In sargähnlichen, schwarzen Kästen, die durch rote, an rinnendes Blut erinnernde Fäden geschlossen werden, liegen einzelne Pistolen auf einem Polster aus roter Seide. Diese ummantelte Thoma ganz oder teilweise mit einer fleischfarbenen, von Rissen und Rötungen überzogenen Pappmaché-Masse. Dadurch erhalten die Objekte einen verwundeten Charakter, wirken wie rohes Fleisch und lassen die gefährlichen Waffen der Täter quasi als Opfer erscheinen.

 

In den Plastiktütenkleidern, die die Künstlerin seit einigen Jahren fertigt, spiegelt sich noch einmal die Auseinandersetzung mit „Konsum“ als wesentliches Merkmal moderner Gesellschaften wider. Die verführerisch glitzernde Oberfläche und die sorgfältige, handwerkliche Verarbeitung stehen in krassem Gegensatz zum eingesetzten Material. Denn Verwendung finden Plastiktüten allgegenwärtiger Lebensmitteldiscounter oder Abfälle, die sie während ihrer Aufenthalte in China und Japan sammelte. In traditioneller Patchwork-Technik fügt Patricia Thoma einzelne Teile der Tüten zu überlangen Roben zusammen. Schriftzüge und Logos bleiben dabei erkennbar, wenn auch in verfremdeter Form. Sie dienen als Muster und bilden gleichzeitig eine Art Erkennungsspiel mit dem Betrachter.

 

Regina M. Fischer M.A.

 

(zur Ausstellung "So weiß wie Blut")

 

Eher ambivalente Gefühle beschleichen den Betrachter im Angesicht der Arbeiten von Patricia Thoma. Sie sind ironisch, frech, zuweilen provokativ, witzig, aber auch hintergründig und manches Mal etwas verstörend. Diese ironische Doppelbödigkeit macht sich bereits im Titel der Ausstellung bemerkbar: „So weiß wie Blut“. Jeder kennt die Märchenzeilen, die hier vertauscht wurden. Weiß wie Blut - in diesem Widerspruch liegt mehr als nur die Unlösbarkeit der Begriffe: Unschuld und Gefahr, Weichheit und Verletzung, das Unberührte, Kühle und ebenso Aggression. Hier treffen all die Gegensätze aufeinander, die uns in Thomas Bildern stutzig machen.

 

Dabei ist das Genre der dreißigjährigen, heute in Berlin arbeitenden Künstlerin eigentlich eher konventionell. Gegenständlich, figurativ und in einer Spielart des Realismus erscheinen Menschen, alleine oder in Paarkonstellationen, seltener auch Tiere. Doch bereits das auffallend große Format ist ungewöhnlich, ebenso der Bildträger, ein Transparentpapier.

Die Bögen erscheinen auch in der Ausstellung ungerahmt nur mit Klammern an die Wand geheftet. Sie wirken wie eben entrollte Transparente, Statements, die man ebenso rasch wieder zurücknehmen könnte, so als sei das doch gar nicht so gemeint, nur mal so ein Versuch….

Wieder diese Unsicherheit, dieses Vage, das den Beobachter irritiert. Dabei versteht es Patricia Thoma haargenau, bestimmte Assoziationen auszulösen und ein gewisses Unbehagen zu provozieren.

 

Die Künstlerin arbeitet seriell, erstellt ganze Reihen, variiert ein Thema im nämlichen Format. So die 2001 entstandene Serie „Angebote“, Öl auf Transparentpapier im schlanken Hochformat.

Junge Frauen, das Haar durch bunt gemusterte Kopftücher verhüllt, die Füße in plumpe, dicke Stiefel oder geschnürte Laufschuhe gesteckt. Behängt mit braunen alten Einkaufsbeuteln und bekleidet mit zart gemusterten Röcken und groben sackartigen Jacken. Im Gegensatz zu dieser plumpen, bäuerlichen oder großmutterhaften Bekleidung stehen die zuweilen zarten, fein manikürten Hände, die in gezierter bis ungelenker Haltung - man staune - hauchzarte, hoch erotische Dessous halten. Dass Patricia Thoma hier eine ganz Reihe von Fragen nach Modernität, Verhüllung, Unterschiede der Kulturen, Emanzipation und damit nach der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft stellt, ist deutlich. Auffallend bleibt die Unsicherheit ihrer Bildfiguren. In schlechter Haltung, die abfallenden Schultern hochgezogen, stehen sie da, verloren vor dem undefinierten Hintergrund. Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, den Blick aus den immer auffallend weit auseinander liegenden, mandelförmigen Äuglein fragend nach außen gerichtet. Unsicher und verloren in ihrer zwiespältigen Rolle zwischen altmodischer Biederkeit und allenfalls erahnbarer Erotik.

 

Frech erscheint Thomas „pissendes Mädchen“, das sich vor nachtschwarzem Hintergrund, quasi im Schutz des Dunkels, mit nur ein wenig heruntergezogener Hose hingehockt hat. Ein Thema, das Picasso, allerdings frontal erotisch, wenngleich nicht weniger provokant, bereits 1965 ins Bild brachte.

 

Wie ein Pendant wirkt der „essende Mann“, der in entgegen gesetzter Richtung, wie ein Affe hingekauert erscheint und mit beiden Händen ein Brötchen hält, in das er beißt.

Auf etwas groteske Weise auf Grundbedürfnisse reduziert, greift Thoma eine ganz traditionelle Form eines Doppelbildnisses auf. Auch ihre Paare erscheinen in merkwürdig unausgesprochener Beziehung zueinander. Die Protagonisten der 2002 entstandenen gleichnamigen Serie posieren regelrecht, wie für ein Foto. Sie füllen das gesamte Format, schweben aber gleichsam im luftleeren Raum. Kein Hintergrund, keine Linie, nichts, worauf die Sitzenden Halt finden. Hier wird die Labilität der Paarbeziehung ebenso deutlich wie in der Schüchternheit der Berührungen oder im Ausweichen der Blicke.

 

Fassetten und Nuancen widerstreitender Gefühle, Sehnsucht, Angst sich zu öffnen, Selbstbewusstsein und Unsicherheit: Alles vereint Patricia Thoma in ihren Bildfiguren.

 

Regina M. Fischer M.A.