Patricia Waller und Bertram Konrad
Malerei, Zeichnung, Fadenzeichnung und Häkelarbeiten
„Zu Tisch“
Zum Jahresende treffen in einer Gemeinschaftsausstellung vier völlig heterogene
Künstlerpersönlichkeiten und künstlerische Positionen aufeinender. Sie zeigen
unter dem Titel „zu Tisch“ Arbeiten in höchst unterschiedlichen Techniken und
evozieren, durch ihre verschiedenartigen Ansätze mannigfaltige Assoziationen.
Die traditionelle Gattung des Stilllebens erscheint durch Fokussierung,
Konzentration und neuartige malerische Präsenz zeitgemäß übersetzt, Alltagsriten
werden hinterfragt und eine Kulturgeschichte des Essens angerissen.
Bertram Konrads Stillleben- und Tischarrangements scheinen, in reduzierter
Farbigkeit, eher ausschnitthaft eine Teil-Realität wiederzugeben. In seiner
neuartigen Technik lasierte Gelatinefolien in die malerische und zeichnerische
Gestaltung mit einzubeziehen erreicht er eine partielle Verdichtung. Nach dem
Muster eines „Bildes im Bild“ integriert er Schilderartigen Ausschnitte. Diese
stechen hervor durch ihre hohe Plastizität, sie erscheinen fast Dreidimensional.
In ihrer Wirkung erinnern sie an Hologramme. Daneben stehen zeichnerische und
malerische Partien von hoher Sensibilität und bewusst belassene Leerstellen.
Konrad reflektiert einen, weniger auf Breite angelegten Sinneseindruck. Er
fokussiert Teilbereiche und reflektiert damit die, nur Bruchstückhafte
Wahrnehmung von Wirklichkeit, die sich in ihrer ganzen Komplexität dem
Betrachter stets entzieht.
Auch die in Berlin lebende Künstlerin Monika Taffet widmet sich in ihrer Malerei
dem Stillleben, ebenso wie weiteren tradierten Themen etwa der Landschaft und
dem Interieur.
Die herausragende Rolle spielt für sie die Farbe. Aus bis zu fünfzehn Farben
mischt sie ihre subtilen, nicht selten gebrochenen Nuancen und erreicht so eine
ungeheure Stimmigkeit der Farbwirkung. Neben diesen feinen Valeurs ist es die
Materialität, die ihren Bildern eine besondere Wirkung verleiht. Der auffallend
pastose Farbauftrag, zuweilen noch gesteigert durch das Einarbeiten von
gefalteten Textilien, ergibt eine plastische, schrundige Oberfläche.
Das Motiv bleibt dem Gegenständlichen verhaftet, wird aber durch den Verzicht
auf Konturen und Linien, rein aus der Farbe heraus wahrhaft geformt. Dank dieser
formalen Reduktion lässt Taffet die Dingwelt neu erstehen.
Monika Thiele ist vertreten mit einer Reihe von Stilllebenhaften Zeichnungen,
die rein mit dem bildnerischen Mittel der farbigen geraden Linie, gezogen mit
Filzstift und Füller, auskommen. Aus der Vogelperspektive bildet sie Leckereien
fertig angerichtet zur Mahlzeit ab. Daneben steht eine Arbeit in Thieles
innovativer Technik der Fadenzeichnung. Die Fadenlinie wird dabei, analog zur
gezeichneten Linie zum autonomen Bildmittel. Ohne Vorzeichnung und unterlegte
Farbfläche, nur mit dem Mittel der Linie, eben eines, mit Hilfe einer Nadel
gezogenen Fadens auf Organza, schafft sie eine realistische, fast fotografisch
genaue Wiedergabe. Im wörtlichen Sinne baut sie, analog zur Komplexität der
menschlichen Persönlichkeit, der ihr künstlerisches Interesse gilt, ein
feinfädiges Gewebe auf. Hier in der Ausstellung sehen wir, stark ausschnitthaft,
wie fokussiert, eine Frau in der Versunkenheit ihrer alltäglichen Verrichtung.
Gedankenverloren während der morgendlichen Tasse Kaffee. Eingesponnen in den
individuellen Lebensrhythmus und das eigen Universums der Gedanken und
Sehnsüchten.
Einen ganzen Tisch gedeckt hat Patrizia Waller mit ihren hintergründigen Häkelarbeiten. Quasi beiläufig thematisiert sie die kulturhistorische Verbindung zwischen der weiblichen Determiniertheit der Textilkunst und der historischen Kategorisierung in hohe oder freie Kunst und Kunsthandwerk. Daneben serviert sie eine kleine Kulturgeschichte des Essens. Sie lädt ein ins Schlaraffenland, jener menschlichen Sehnsucht geboren, aus der Entbehrung und der urmenschlichen Angst vor dem Hunger. Beschreibt den Überfluss auf deutschen Tischen, seit der Zeit des Wirtschaftswunders, eine (spieß)-bürgerliche Bewirtungskultur und deren Wandel. Einladend und appetitlich angerichtet, bis ins kleinste Detail gewürzt, serviert sie uns traditionelle Hausmannskost, angesagtes Sushi und exotische Speisen.
Anspielungsreich, witzig, ironisch, mit feinem Hintersinn erscheint beispielsweise der „Fisch im Teigmantel“, die „Haifischflossensuppe“ oder die „verkehrte Meerjungfrau“.
Regina M. Fischer M. A., Kunsthistorikerin